Patrick Beckert ist zum fünften Mal für Olympia qualifiziert. Im Gespräch bei der Team D Einkleidung verrät er der neuen Eisschnelllauf-Hoffnung Finn Sonnekalb, was ihn seit Karrierebeginn antreibt und wie man mit hohen Erwartungen besser umgehen kann.
Showman und Routinier - ein interessanter Kontrast
Doch, ein kleiner Showman sei er schon, sagt Finn Sonnekalb, als er am Freitagnachmittag im Rahmen der Team D Einkleidung in der MTC World of Fashion in München gefragt wird, wie das denn so sei mit der vielen Aufmerksamkeit, die ihm gerade zuteilwird. Den Zusatz „klein“ kann man allein deshalb schon streichen, weil Deutschlands neue Eisschnelllauf-Hoffnung mit 1,93 Metern Körperlänge nicht nur optisch fast alle überragt. Wer ihn beobachtet, wie er wippenden Schritts und in Adiletten in Begleitung mehrerer Teamkollegen seinen Einkaufswagen über die Eventfläche schiebt, an jedem Stand aufs Neue selig wie ein Kind am Heiligen Abend die nächsten Kleidungsstücke anprobiert und dabei alle, die um ihn herumstehen, in Gespräche verwickelt, kann erahnen, wieviel Showtalent in diesem 18-Jährigen steckt, der im Februar in Mailand seine Premiere bei Olympischen Winterspielen erleben wird.
Patrick Beckert dagegen absolviert seine Einkleidung zwar ebenfalls seinem Charakter entsprechend, aber im größtmöglichen Kontrast. Nur in Begleitung seiner Ehefrau Lara Eileen, die er im vergangenen Sommer in London ebenso still geheiratet hat, packt der 35-Jährige die gut 60 Teile umfassende Kollektion in die zwei dafür bereitgestellten Taschen. Die Routine eines Athleten, der zum fünften Mal am größten sportlichen Wettkampf teilnehmen wird, ist ihm aus fast jeder Bewegung, jeder Geste abzulesen. Und trotzdem spürt man, was es ihm bedeutet, ein weiteres Mal – und, da ist er entschieden, das letzte Mal – Teil von Team Deutschland zu sein.
In Salt Lake City gelang Finn die doppelte Olympianorm
Finn Sonnekalb, der auf sehr sympathische Art die Unbekümmertheit eines 18-Jährigen in all seine Aussagen einfließen lässt, zum Schweigen zu bringen, scheint ungefähr so erfolgversprechend, wie Donald Trump die Egozentrik auszutreiben. Aber im Gespräch, zu dem die Team D Medienabteilung ihn und Patrick Beckert gebeten hat, gibt es dann doch einige Momente, in denen der Shootingstar der Eisschnelllaufszene fast andächtig lauscht. 2010, als er in Vancouver sein Debüt unter den fünf Ringen gab, war Patrick 19 Jahre alt und ein ebenso idealistischer Youngster wie Finn. Auf die Frage, was er aus seiner Erfahrung von damals dem nur halb so alten Teamkollegen rate, sagt er: „Ich würde empfehlen, dass er es einfach genießt, denn man weiß nie, ob es noch ein nächstes Mal gibt. Er soll die beste Leistung abrufen, die in ihm steckt, aber sich nicht von den Erwartungen von außen ablenken lassen.“
Das allerdings ist möglicherweise leichter gesagt als getan. Die Bronzemedaille, die Jens Boden 2002 in Salt Lake City gewann, ist das bislang letzte olympische Edelmetall, das ein deutscher Eisschnellläufer holte. Die Sehnsucht nach einem Nachfolger ist riesig, entsprechend groß ist die Hoffnung, seit Finn Sonnekalb beim Weltcup-Auftakt in Salt Lake City (USA) Mitte November über die 1.500 Meter als Dritter nicht nur den ersten deutschen Podiumsplatz auf dieser Strecke seit 24 Jahren sicherte, sondern mit seinen 1:41,33 Minuten auch den bisherigen deutschen Rekord von Hendrik Dombek (1:43,73) pulverisierte und einen neuen Junioren-Weltrekord aufstellte. Auch über die 1.000 Meter schaffte er in 1:06,48 Minuten einen neuen deutschen Rekord und damit die doppelte Olympianorm.
Dreimal WM-Bronze und 13 deutsche Rekorde stehen in Patricks Bilanz
Glaubt man dem aus einer extrem sportlichen Familie stammenden Supertalent, sind diese Bestwerte nichts als Zahlen, die ihn keinesfalls abheben lassen. „Ich bin immer derselbe, egal, wie ich sportlich abschneide. Ich weiß, dass ich der Junge bin und die Arbeit noch lange nicht getan ist“, sagt er. Dass ihn die deutschen Medien schon als „Goldjunge“ oder „Eis-Wunderkind“ feiern, lasse ihn kalt. „Auf jeden Fall steigt es mir nicht zu Kopf.“ Patrick Beckert rät ihm, am besten gar keine Schlagzeilen zu lesen. „Nach positiven Ergebnissen kann das zwar manchmal angenehm sein, aber genauso negativ können dann bei schlechten Resultaten die Kritiken wirken. Deshalb rate ich Finn, während der Wettkämpfe die Außenwelt auszublenden und auch die Medienanfragen sehr dosiert zu erfüllen. Am Ende fragt nämlich niemand, wie viele Interviews du gegeben hast, es zählt nur das sportliche Abschneiden!“
Für den Langstreckenspezialisten hat es bei Großereignissen noch nie zu einer Goldmedaille gereicht. Dreimal WM-Bronze über die 10.000 Meter steht in seiner Bilanz, bei den Winterspielen war Rang sechs über dieselbe Distanz 2014 in Sotschi sein bestes Ergebnis. 13 deutsche Rekorde stellte er auf, er war der erste Deutsche, der die zehn Kilometer unter 13 Minuten lief. Umso bewundernswerter, dass der Altmeister, der in Mailand nur in der Teamverfolgung aufs Eis geht, noch immer die Motivation aufbringt, sich für die Olympiateilnahme zu quälen. „Ganz ehrlich: Ich wusste bis eben gar nicht, dass es schon seine fünften Spiele sind“, sagt Finn, „erst als er für das Foto die fünf Finger zeigte und ich mit nur einem ausgestreckten Finger dastand, habe ich das begriffen, und das ist echt krass. Vor allem, wenn man weiß, dass er seit 2016 sein Training allein durchzieht! Sich selbst so in die Fresse zu hauen, das schaffe ich nicht, mir muss immer jemand in den Hintern treten. Da ist Patrick ein absolutes Vorbild.“
Die Angst, nicht schnell genug zu sein, als Antrieb
Die Angst, nicht schnell genug zu sein, treibe ihn seit Beginn seiner Karriere an, sagt Patrick, der wie Finn für den ESC Erfurt startet. Sich nie auf Erreichtem auszuruhen, sondern verinnerlicht zu haben, dass die Arbeit jedes Jahr aufs Neue gemacht werden müsse, habe ihm geholfen, sich immer wieder neu zu motivieren. „Und ich habe mich nur an mir selbst gemessen. Ich vergleiche mich nicht mit anderen, sondern versuche, immer wieder eine noch bessere Version meiner selbst zu werden“, sagt er. In Finn entdecke er einiges von dem, was auch ihn in jungen Jahren gepusht habe. „Erfolgreiche Sportler sind meist vom gleichen Schlag. Bei Finn sieht man im Training, wie hart und zielgerichtet er arbeitet. Er ist ein Wettkampftyp, der in den entscheidenden Momenten fokussiert ist.“
Ein wesentlicher Unterschied sei, dass Finn schon bei seiner Premiere zu den Medaillenkandidaten über die 1.000 und 1.500 Meter zähle, während er selbst 2010 eher überraschend die Qualifikation geschafft hatte und ohne Erwartungen nach Kanada geflogen war, wo er über die 5.000 Meter Rang 22 belegte. „Ich finde es aber gut, dass er nicht nur davon spricht, Medaillen gewinnen zu müssen, sondern sich als Ziel setzt, möglichst weit vorn dabei zu sein. Wir dürfen nie vergessen, dass man bei Olympischen Spielen gegen die Besten der Welt antritt, die fast alle mal Supertalente waren. Da ist auch ein sechster oder achter Platz keine Enttäuschung, wenn man sein Bestes gegeben hat, aber die anderen eben besser waren“, sagt er.
Finns Wunsch: So viele Pins wie möglich tauschen
Finn Sonnekalb nickt, als er diese Worte hört. Natürlich weiß er, dass die Hoffnungen groß sind und durchaus eine gewisse Erwartungshaltung da ist. Schon im Kindergartenalter stand er auf Kufen, als Sechsjähriger tourte er mit der Familie per Fahrrad mehrere Monate durch Europa. 2024 gewann er bei den Olympischen Jugendspielen in Südkorea dreimal Gold, wurde zur Belohnung vor den Sommerspielen in Frankreich als Fackelläufer eingesetzt und fuhr danach mit seinem Vater zum Vergnügen die berüchtigten Tour-de-France-Mythen Mont Ventoux und L’Alpe d’Huez ab. Im Februar 2025 wurde er Mehrkampfweltmeister bei den Junioren. So einer kann doch dann nicht zu den „großen“ Winterspielen fahren und nur irgendwie mitschlittern wollen!
Natürlich nicht; aber er tut trotzdem gut daran, die eigenen Erwartungen nicht zu stark zu überhöhen. Die Jugendspiele mitgemacht zu haben, helfe ihm bei der Einordnung und in der Vorbereitung, „weil ich die Abläufe schon einmal erlebt habe. Außerdem weiß ich jetzt, wofür die Pins sind, die wir bekommen. Vor den Jugendspielen habe ich die zu Hause vergessen und musste mir dann welche leihen, um tauschen zu können. In Mailand möchte ich alle Pins, die ich kriegen kann“, sagt er. Seinem Teamkollegen Patrick wünscht er, „dass er bei seinen letzten Spielen in der Teamverfolgung extrem gut abschneidet und sich die Medaille holt, die er verdient hat.“
Patrick Beckert lächelt still, als er diese Worte hört. Es ist das erste Mal seit 20 Jahren, dass sich ein deutsches Männerteam für die Verfolgung qualifiziert hat, und deshalb auch für ihn eine späte Premiere. „Natürlich wünsche ich uns allen in der deutschen Mannschaft maximalen Erfolg“, sagt er, „aber vor allem möchte ich, dass wir diese Spiele genießen können.“ Was auch immer dafür nötig ist: es möge eintreten.