Wenn Jennifer Janse van Rensburg und Benjamin Steffan bei den Olympischen Spielen für Deutschland aufs Eis gehen, wird das auch auf den Philippinen verfolgt. Warum das so ist und wieso sie die Musik für ihre Auftritte selbst zahlen, erzählten sie im Rahmen der Einkleidung in München.
Noch keine deutsche Medaille im Eistanzen bei Olympia seit 1976
Als er am Donnerstagmittag die Einkleidung für die Olympischen Spiele in Norditalien absolviert hatte und mit zwei prall gefüllten Koffern im Mixed-Zone-Bereich der MTC World of Fashion in München saß, hatte Benjamin Steffan ein kleines Problem. „Mir gefällt die Kleidung am besten, die man auf dem Podium tragen soll“, sagte der 29 Jahre alte Eistänzer. Seit seine Disziplin 1976 in Innsbruck ins olympische Winterprogramm aufgenommen wurde, hat noch kein deutsches Eistanzpaar eine Medaille gewinnen können. Insofern scheint die Wahrscheinlichkeit nicht hoch zu sein, dass der Athlet vom EC Oberstdorf seine Lieblingsstücke aus der adidas-Kollektion offiziell wird tragen können. Aber wer ihn am Donnerstag mit seiner Partnerin Jennifer Janse van Rensburg erlebte, wird nicht daran zweifeln, dass das Duo zumindest alles dafür geben wird, die Eiskunstlauf-Welt aus den Angeln zu heben.
Seit zehn Jahren starten Jenny und Benny, wie die beiden gern genannt werden dürfen, als Paar. Der Durchbruch in die Weltklasse gelang ihnen mit Rang 16 bei der WM in Boston (USA) im März 2025, mit dem sie Deutschland einen Quotenplatz für die Winterspiele sicherten. „Das war aus meiner Sicht der Startschuss für unsere erste Olympia-Kampagne“, sagt Benny, „für mich war von da an klar, dass wir uns auf die Spiele vorbereiten können.“ Jenny dagegen empfand die Einkleidung als „den Tag der Tage, ich konnte vor Aufregung gar nicht schlafen und fühle mich jetzt offiziell als Teil der Olympiamannschaft!“ Die endgültige Nominierung des Team D erfolgt zwar erst am 20. Januar durch den DOSB, aber spätestens seit sie im Dezember ihren fünften deutschen Meistertitel in Serie gewannen, steht für das Duo fest, dass der Traum von der Teilnahme an Olympischen Spielen Wirklichkeit wird. „Fünf Meistertitel, jeder für einen der olympischen Ringe, das ist unser Motto für die DM gewesen. Dass es jetzt klappt, ist einfach unglaublich“, sagt Jenny.
Benny begann als Eishockeyspieler, Jenny im alpinen Skisport
Die Geschichte, wie die beiden zu ihrem Sport und zueinanderfanden, ist kurios. Jenny betrieb als gebürtige Oberstdorferin auch leistungsmäßig alpinen Skisport, sah aber als Sechsjährige Eiskunstlauf im Fernsehen. „Das wollte ich auch, und als ich mich irgendwann entscheiden musste, bin ich beim Eiskunstlauf geblieben.“ Zunächst startete sie für den EC Oberstdorf im Einzel, wechselte aber, weil die ständigen Sprünge ein Patellaspitzen-Syndrom verursacht hatten, als 20-Jährige zum Eistanzen. „War aber nicht schlimm, weil ich schon immer eher eine ausdrucksstarke Läuferin als eine Springerin war“, sagt sie. Benny dagegen war zunächst in Chemnitz Eishockeyspieler, wurde aber, weil er regelmäßig seiner jüngeren Schwester bei deren Eislauftraining zuschaute, von der bekannten Chemnitzer Paarlauftrainerin Monika Scheibe bearbeitet, es doch auf dem Eis auch mal ohne Helm und Schläger zu probieren. „Irgendwann hatte sie mich weichgeklopft, als Zehnjähriger bin ich zum Eistanz gewechselt“, sagt er.
Bei Lehrgängen in Oberstdorf lernte er Jenny kennen, die beiden wurden Freunde. Während ihrer gemeinsamen Ausbildung in der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Hannover waren sie auf Partnersuche. „Wir waren bei einer Schießübung, unser Ausbilder hat sich erkundigt, welchen Sport wir machen, und dann angeregt, wir könnten es doch auch mal gemeinsam versuchen. Und das haben wir dann auch getan“, erinnert sich Benny. Guter Mann, dieser Ausbilder – die sportliche Beziehung hält seit nunmehr zehn Jahren. Dass sie auch abseits des Eises miteinander befreundet sind, hilft aus ihrer Sicht sehr dabei, den Spaß am Leistungssport nicht zu verlieren. „Es ist kein Muss, um sportlich erfolgreich zu sein. Aber für uns funktioniert es sehr gut. Wir haben eine große Wettkampfroutine entwickelt und einen gemeinsamen Weg gefunden, mit unseren Emotionen umzugehen“, sagt Benny. Er wird eher ruhiger, wenn die Anspannung größer wird, kann seine Partnerin dann erden. Sie dagegen überträgt ihre Energie auf ihn, wenn ein Schub nötig ist. „So haben wir gelernt, den Wettkampf zu genießen und auf den Punkt abzuliefern“, sagt Benny.
Die Lizenzrechte an den Stücken, zu denen sie tanzen, zahlen sie selbst
Der olympische Wettkampf besteht im Eistanz, bei dem Sprünge und Hebefiguren über Schulterhöhe nicht erlaubt sind, aus den Teilbereichen Rhythm Dance und Free Dance (Kür). 23 Paare gehen am 9. Februar in der Arena in Mailand im Rhythmustanz an den Start, für den der Weltverband ISU das Motto 90er-Jahre vorgegeben hat, nach dem die Paare ihre Musik aussuchen mussten. Für die Kür am 11. Februar, für die sich die besten 20 qualifizieren, sind alle Teilnehmenden in ihrer Musikauswahl frei. Jenny und Benny haben sich im Rhythmustanz, der 2:50 Minuten plus minus zehn Sekunden dauern darf, für eine Kombination aus den Yello-Stücken „Jungle Bill“ und „On the Run“ entschieden, in der vierminütigen Kür soll ein Flamenco-Thema die Werke „La Maza“ von Shakira und Mercedes Sosa und „Ameksa“ von den Taalbi Brothers verbinden. „Wichtig ist, dass wir Musik finden, die wir ein Jahr lang hören mögen, denn wir tanzen eine ganze Saison lang vorrangig zu diesen Stücken“, sagt Jenny.
Die Auswahl wird gemeinsam mit dem Trainerteam um Chefcoach Rostislav Sinicyn getroffen. Was das Ganze zusätzlich erschwert, ist der Fakt, dass die Eiskunstläufer die Lizenzrechte an den Stücken, zu denen sie aufs Eis gehen, selbst kaufen müssen. „Wir haben weder ein Management noch Sponsoren und finanzieren das aus eigener Tasche“, sagt Benny, der sich von der ISU mehr Unterstützung wünschen würde. „Die haben das Thema zwar auf dem Schirm, aber das Risiko liegt zu 100 Prozent bei den Athletinnen und Athleten, und weil das eine ganze Palette an rechtlichen Fragen nach sich zieht, lenkt das schon vom sportlichen Fortkommen ab“, sagt Benny. Eine mehr als verständliche Klage, wenn man weiß, dass bei Zuwiderhandlung fünfstellige Strafgeldsummen drohen. Die deutschen Paarlauf-Medaillenhoffnungen Minerva Hase und Nikita Volodin ließen sich deshalb für diese Olympiasaison eigene Musik komponieren.
Jenny fährt gern Motorrad und macht Fallschirmspringen
Wie Jenny und Benny in Mailand abschneiden, wird Anfang Februar auch auf den Philippinen interessiert verfolgt werden. Der 7000-Inseln-Staat im Westpazifik ist nicht gerade als führende Eislaufnation berüchtigt, aber weil Jennys Mutter von den Philippinen stammt und die Karriere ihrer Tochter sehr intensiv auf Social Media begleitet, ist das Paar dort durchaus bekannt. „Ich war schon einige Male dort, meine Mutter hat zehn Geschwister, es ist immer schön, die Familie zu treffen. Und auch wenn ich nur den deutschen Pass habe, vereine ich beide Nationen in mir, deshalb fiebern viele Menschen dort mit uns mit“, sagt Jenny, deren internationales Gesamtpaket durch ihren Ehemann Ampie Janse van Rensburg abgerundet wird. Der Südafrikaner ist Berufssoldat, lebt in Großbritannien, das Paar führt eine Fernbeziehung. „Klappt aber gut, und vielleicht ziehen wir bald zusammen“, sagt Jenny.
Benny ist im März 2025 zum ersten Mal Vater geworden, sein größtes Hobby ist derzeit sein Sohn. In verschiedenen Social-Media-Formaten macht er sich allerdings den Spaß, ausgefallene Hobbys zu erfinden. So führt ihn der Weltverband als passionierten Wanderer und Vogelkundler – was vollkommener Unsinn ist. Ernst gemeint sind die Hobbys, die Jenny angegeben hat, und sie weisen darauf hin, dass die 32-Jährige ein Adrenalinjunkie ist. „Ich springe gern mit dem Fallschirm aus Flugzeugen, fahre Motorrad und mit meinem Mann privat auch gern Autorennen“, sagt sie.
Trainer traut dem Paar die Top Ten zu
Bevor es am 5. Februar nach Italien geht, steht in der kommenden Woche noch die EM in Sheffield (England) an, anschließend gibt es in Oberstdorf bei den Bavaria Open die Generalprobe für Olympia. Und was dort möglich ist, dazu hat Cheftrainer Sinicyn am Donnerstagmittag eine klare Meinung. „Die beiden haben sich sehr gut entwickelt und sind starke Wettkämpfer. Ich traue ihnen zu, unter die Top Ten zu kommen“, sagt der in Russland geborene Tscheche. „Wenn der Trainer das sagt, dann ist das so“, sagen Jenny und Benny. Die beiden wollen nach dem Ende ihrer Wettkämpfe gern noch ins Deutsche Haus nach Cortina reisen. Und vielleicht kann Benny, wenn es zur Medaillenüberraschung nicht reicht, zumindest dort seine Lieblingsbekleidung tragen.