Daria Gleißner führt die deutschen Eishockeyfrauen zu den Olympischen Winterspielen nach Mailand. Bei der Team D Einkleidung schildert die Kapitänin den langen Weg, den sie hinter sich gelegt hat, um diesen Höhepunkt erleben zu können.
Deutsche Eishockeyfrauen zum vierten Mal bei Olympia dabei
Die Kette mit den fünf Ringen, die um ihren Hals baumelt, ist das sichtbare Zeichen der Vorfreude, die Daria Gleißner seit Februar vergangenen Jahres in sich trägt. In Bremerhaven hatte die 32-Jährige damals mit den deutschen Eishockeyfrauen das Qualifikationsturnier für die Olympischen Winterspiele gewonnen und damit das Ticket für Mailand gelöst. „Seitdem bin ich einfach nur glücklich, dass mein sportlicher Lebenstraum in Erfüllung geht, und habe mir aus dem Gold, das meine Oma mir geschenkt hat, als persönlichen Glücksbringer die Kette mit den olympischen Ringen anfertigen lassen“, erzählt sie am Mittwochmittag bei der Team D Einkleidung in der Münchner MTC World of Fashion.
Zum vierten Mal nach 2002, 2006 und 2014 nimmt ein deutsches Frauenteam am olympischen Eishockeyturnier teil. Daria war vor zwölf Jahren die einzige Spielerin aus dem aktuellen 23er-Kader, der am 20. Januar vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) noch offiziell nominiert werden muss, die schon für die Spiele in Sotschi berufen war. Weil sie aber im letzten Training einen Bruch eines Querfortsatzes in der Halswirbelsäule erlitt, ist auch die in Kaufbeuren geborene Abwehrspielerin eine Olympia-Debütantin. „Für mich persönlich ist das natürlich eine unglaubliche Ehre, aber viel wichtiger ist mir, dass unsere Teilnahme für das deutsche Eishockey einen Schub bringt“, sagt sie.
Mehr Aufmerksamkeit in der Gesellschaft ist ihr Ziel
Es ist genau diese Zurückhaltung, die Daria für das Amt der Mannschaftsführerin prädestiniert. Sie kann auf viele Jahre Erfahrung im Leistungssport zurückschauen, spielt seit 2011 für die Memmingen Indians in der höchsten deutschen Spielklasse. Aber sich selbst wichtig zu nehmen, käme ihr nicht in den Sinn. „Mir ist wichtig, dass es allen gut geht und wir als Mannschaft in Italien das bestmögliche Erlebnis genießen können“, sagt sie. Das bestmögliche Erlebnis hängt zwar mit einem optimalen sportlichen Ergebnis zusammen, aber ein Platzierungsziel möchte Daria bewusst nicht formulieren. „Für mich wäre Olympia ein Erfolg, wenn das Frauen-Eishockey in Deutschland in der Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit bekäme. Wir wollen die Perspektive auf unseren Sport verändern und ihn auf ein neues Level heben.“
Wo es sich aktuell bewegt, kann Daria wohl besser einordnen als jede andere aktuelle Spielerin. Sie hat noch die Zeiten erlebt, in denen es keinerlei professionelle Strukturen gab und auch keine Förderung. „Es hat sich in den vergangenen zwölf Jahren seit unserer letzten Olympiateilnahme wirklich viel bewegt. Man kann das Frauen-Eishockey von damals nicht mit dem von heute vergleichen. Wir wussten, dass wir auf allen Ebenen professioneller werden mussten, und das ist auch passiert“, sagt sie. Sie selbst kündigte 2014 ihren Vollzeitjob als Modeschmuck-Designerin und konzentriert sich seitdem als Sportsoldatin auf Eishockey. „Die Unterstützung der Bundeswehr ist ein zentraler Baustein, ohne diese hätten wir es wahrscheinlich nicht geschafft, wieder zu den Spielen zu kommen.“
Vorfreude auf die NHL-Stars im Männerturnier
Dabei sein ist aber auch für Daria Gleißner längst nicht mehr alles. „Natürlich fahren wir nach Mailand, um Spiele zu gewinnen, das ist doch selbstverständlich“, sagt sie. Der Modus im Frauenturnier ist gewöhnungsbedürftig. In Gruppe A spielen die fünf besten Teams der Weltrangliste – USA, Kanada, Finnland, Tschechien, Schweiz – gegeneinander, alle fünf erreichen aber sicher das Viertelfinale. In Gruppe B muss sich Deutschland mit Schweden (5. Februar), Japan (7. Februar, beide 12.10 Uhr), Frankreich (9. Februar) und Gastgeber Italien (10. Februar, beide 16.40 Uhr) auseinandersetzen, die besten drei Teams stehen in der Runde der letzten acht. „Das ist unser klares Ziel, aus meiner Sicht ist für uns von Platz drei bis sieben alles möglich. Schweden ist in der Gruppe der härteste Gegner, ich bin froh, dass wir gleich zum Start gegen sie spielen. Mit allen anderen sind wir mindestens auf Augenhöhe“, sagt Daria.
Das eigene Turnier steht selbstverständlich im Fokus, aber Seitenblicke auf das Männerturnier, an dem alle Stars aus der NHL teilnehmen, sind erlaubt. „Natürlich schauen wir auch, was die Männer machen, das ist ja schon etwas sehr Besonderes, dass die NHL-Stars am Start sind. Aber Priorität hat unser Abschneiden. Noch stehen wir auch nicht mit unserem Männerteam in Kontakt, aber das wird sicherlich spätestens vor Ort passieren“, sagt Daria. Von den Diskussionen um die Probleme in den Mailänder Eishallen, die aktuell noch weit davon entfernt scheinen, olympiatauglich zu sein, lässt sie sich – wie auch der gesamte Deutsche Eishockey-Bund – nicht irritieren. „Die Italiener sind doch dafür bekannt, dass sie alles etwas entspannter sehen, aber bereit sind, wenn es darauf ankommt“, sagt sie.
Tattoo mit den fünf Ringen ist fest eingeplant
Bereit sein, wenn es darauf ankommt – in ihrer Karriere war ihr das nicht immer vergönnt. 2014 die schwere Verletzung kurz vor den Spielen, 2021 eine Herzmuskelentzündung vor der Olympiaqualifikation, die sie sieben Monate außer Gefecht setzte. „Ich habe einige Höhen, aber auch einige Tiefen erlebt, aber die vergangenen Monate haben für alles entschädigt. Jetzt freue ich mich einfach darauf, doch noch Olympische Spiele mitzumachen“, sagt sie. Und wer weiß, ob es im Anschluss nicht noch für einen weiteren Olympiazyklus reicht? „Ich habe noch nicht entschieden, wie lange ich noch spiele. Solange ich gesund bin und es mir Freude macht, höre ich nicht auf“, sagt sie.
Bis es am 31. Januar nach Mailand geht, stehen noch einige Ligaspiele sowie ein Trainingscamp in Füssen inklusive Testspiel gegen Japan an. Zeit genug, um zu überlegen, an welcher Körperstelle sie die fünf Ringe als Tattoo verewigt. Auf dem linken Oberarm trägt sie eine Rose, die für ihre Geburt steht, rechts die 777, die Glück und Erleuchtung symbolisiert, am Knöchel hat sie sich die Uhrzeit des Titelgewinns mit den Indians 2023 unter die Haut stechen lassen. „Die Ringe kommen auf jeden Fall dazu“, sagt sie. Aber vielleicht ist es ganz gut, das Turnier abzuwarten, bevor sie das Motiv wählt. Denn wenn es optimal läuft, könnte ja sogar ein Medaillenmotiv daraus werden.