Mailand Cortina 2026

Zwei Brüder wollen die deutsche Bob-Dominanz weiterführen

Adam und Issam Ammour gewannen am Sonntag mit ihrem Team die Viererbob-EM. Bei der Einkleidung für die Olympischen Spiele erzählten sie, was sie von den Legenden Friedrich und Lochner lernen und warum Japan eine wichtige Rolle für sie spielt.

Autor: DOSB // Björn Jensen
5 Minuten Lesezeit veröffentlicht am 12. Januar 2026

Erster Weltcupsieg im Vierer bringt den EM-Titel

Wie frustrierend muss der vergangene Sonntagnachmittag für all jene Viererbob-Piloten gewesen sein, die nicht für den Bob- und Schlittenverband Deutschland (BSD) startberechtigt sind? Da verliert man in schöner Regelmäßigkeit nicht nur in den fünf Weltcuprennen dieser Saison, sondern seit Jahren entweder gegen Francesco Friedrich oder Johannes Lochner. Und dann, als bei der Europameisterschaft in St. Moritz (Schweiz) weder der eine noch der andere ganz oben auf dem Podium steht, kommt Adam Ammour um die Kurve. 24 Jahre alt, zuvor noch ohne Weltcupsieg mit dem großen Schlitten – und plötzlich kontinentaler Champion! Ergibt es da überhaupt noch Sinn, am 21. und 22. Februar im Cortina Sliding Center zum Olympiarennen anzutreten, wenn die drei Medaillen eh an die Deutschen vergeben scheinen?

Am Tag nach seinem Triumph sitzt Adam Ammour in der MTC World of Fashion in München und macht nicht den Eindruck, als täte ihm die internationale Konkurrenz übermäßig leid. „Es gibt auch im Ausland richtig gute Piloten, aber die härteste Konkurrenz haben wir im eigenen Team, und das hilft uns, immer besser zu werden“, sagt er. Zeit zum Feiern blieb kaum, aus der Schweiz war der gesamte BSD-Tross noch am Sonntagabend nach Bayern gereist, um am Montagmorgen die Einkleidung für die Winterspiele in Norditalien zu absolvieren. Aber für eine erste Einordnung hat die kurze Nacht dann doch gereicht. „Es war ein Wahnsinnsmoment, der die Hoffnung wachsen lässt, dass wir für die nächste Ebene bereit sind. Wir können gewinnen, wenn alles gut läuft und wir top drauf sind“, sagt der neue Europameister. Sein acht Jahre älterer Bruder Issam, als Anschieber ebenso im Team dabei wie Joshua Tasche und Alexander Schaller, zieht einen Vergleich zu 2024, als er gemeinsam mit Adam den EM-Titel im Zweier gewann. „Das war damals auch ein unglaublicher Erfolg, aber der Sieg von gestern ist unbeschreiblich. Wir waren zuletzt dreimal in Folge auf dem Podium, nun hat endlich alles zusammengepasst“, sagt er.

Seit dieser Saison gemeinsam für Eintracht Frankfurt am Start

Zwei Brüder, die derart erfolgreich miteinander Schlitten fahren – das ist eine ganz besondere Geschichte. Bei der WM 2024 in Winterberg waren sie mit Bronze im Vierer das erste Brüderpaar, das bei Welttitelkämpfen gemeinsam auf dem Podest stand. Die Hoffnung, dies auch bei den Olympischen Spielen zu schaffen, ist nun groß – wobei die beiden viel zu höflich und bescheiden sind, um schon von einer Wachablösung zu fabulieren. „Aktuell stehen wir natürlich immer noch im Schatten der beiden Legenden, und das ist für uns auch kein Problem“, sagt Adam, „wir haben keinen Druck und nichts zu verlieren.“ Im Gegenteil: Teamintern die größte Konkurrenz zu haben, habe sie in ihrer Entschlossenheit gestählt, in jedem Training besser werden zu wollen. „Die beiden sind immer am Limit, wir können uns viel von ihnen abschauen. Die Formel für den Erfolg ist eigentlich einfach, aber immer auf den Punkt da zu sein, wenn es zählt, das können nur die Besten“, sagt Issam.

Dass sie mal gemeinsam für Deutschland im Bobsport zu den Besten zählen würden, hatte sich lange Zeit nicht abgezeichnet. Die Eltern stammen aus Algerien, die in Gießen geborenen Brüder, die noch zwei weitere Brüder und eine Schwester haben, hätten auch für das nordafrikanische Land Eliteathleten werden können. Issam war zunächst Leichtathlet, wechselte aber 2015 zum Bobsport, wo er mit seiner Explosivität im Antritt und seinem kräftigen Körperbau trotz der für einen Anschieber geringen Körpergröße von 1,72 Metern dank seines Trainingsfleißes reüssierte. Adam startete seine Leistungssportkarriere im Kunstturnen, aber nachdem er sich einen komplizierten Handgelenksbruch zugezogen hatte, entschied er, Issams Werben nachzugeben und sich ebenfalls im Bob zu versuchen. Seit 2023 starten die Brüder gemeinsam im Weltcup, und seit dieser Saison nun auch Seite an Seite für Eintracht Frankfurt, den Verein ihrer Herzen, der seit 2022 eine eigene Bobsportabteilung  hat und dessen Fußballern sie schon öfters live im Stadion zujubelten. „Die Eintracht ist ein cooler Verein, wir sind schon lange Fans. Es ist für uns eine riesige Ehre, nicht nur den deutschen Adler, sondern auch den Adler der Eintracht auf der Brust tragen zu dürfen“, sagt Issam, der seinen Bruder aus Oberhof zurück an den Main lockte.

Seit 2014 reist Issam mehrmals im Jahr nach Japan

Die Ruhe, die der 32-Jährige ausstrahlt, liegt in einer Leidenschaft begründet, die vor zwölf Jahren begann. 2014 reiste er als Student nach Japan, „weil ich in ein Land wollte, das möglichst weit weg ist und in dem noch niemand aus unserer Familie war.“ Er verliebte sich in die japanische Kultur, reiste seitdem jedes Jahr dorthin – und kaufte sich vor dreieinhalb Jahren ein Apartment in Tokio. „In Deutschland habe ich meinen Beruf und meinen Alltag, in Japan lebe ich“, beschreibt er das Gefühl, mit dem er längst auch seine Geschwister infiziert hat. „Wir sind mittlerweile alle Japan-Fans“, sagt Adam. Issam kann sich vorstellen, nach der aktiven Sportkarriere dauerhaft nach Tokio zu ziehen, wo einer der Ammour-Brüder bereits lebt und ein Immobilien- und Airbnb-Geschäft aufbaut.

Zunächst jedoch wollen sie alles in ihr sportliches Fortkommen investieren. Wenn Francesco Friedrich (35/BSC Sachsen Oberbärenburg), Doppelolympiasieger von 2018 und 2022 sowie 18-maliger Weltmeister, und Johannes Lochner (35/BC Stuttgart), der zweimal Olympiasilber und fünfmal WM-Gold gewinnen konnte, in nicht allzu ferner Zukunft für immer aus dem Schlitten steigen, wollen sie da sein und die deutsche Dominanz im Eiskanal weiterführen. „Das ist nicht einfach, weil die Erwartungshaltung sehr hoch ist. Wenn du als deutscher Bobpilot nicht aufs Podium fährst, ist das eine große Enttäuschung. Aber die technischen und sportlichen Voraussetzungen in Deutschland sind herausragend, wir werden als Sportsoldaten der Bundeswehr und von der Sporthilfe und der Sportstiftung Hessen bestens unterstützt“, sagt Adam.

Mit Olympiamedaille auch in Algerien begeistern

In Cortina wollen sie zur Stelle sein, wenn die beiden Dominatoren erneut Schwächen zeigen sollten, aber bei ihrer olympischen Premiere vor allem lernen und genießen. Sie freuen sich auf den Austausch mit Menschen aus anderen Sportarten und Nationen. Issam ist heiß darauf, das obligatorische Foto vor den Olympischen Ringen zu machen, um das er viele andere Sportlerinnen und Sportler einst beneidet hat. „Wir haben jetzt im Kopf, dass wir gewinnen können, wenn alles passt. Aber wir wollen uns nicht verrückt machen und freuen uns einfach riesig auf Cortina“, sagt Adam. Und sollte es am Ende tatsächlich zu einer Medaille reichen, hoffen sie, auch in der Heimat ihrer Eltern auf Resonanz zu stoßen. „In Algerien interessiert sich aktuell noch niemand für uns, aber wahrscheinlich ist dort Wintersport einfach zu wenig Thema“, sagen sie. Vielleicht stehen sie aber auch einfach noch am Anfang einer gemeinsamen Triumphfahrt, die im Winter 2026 so richtig Geschwindigkeit aufnimmt.