Mailand Cortina 2026

Topleistung, die aus Vertrauen erwächst

Johanna Holzmann, 2022 Olympiastarterin im Skicross, möchte als Guide Maya Fügenschuh zur Teilnahme an den Paralympischen Spielen in Norditalien verhelfen. Im Rahmen der Einkleidung verrät das Duo, was die Zusammenarbeit besonders macht

Autor: DOSB // Björn Jensen
4 Minuten Lesezeit veröffentlicht am 09. Januar 2026

Maya verfügt nur noch über sechs Prozent Sehvermögen

Manchmal sind es die kleinen Gesten, die die wahre Motivation verraten. Ein warmes Strahlen legt sich auf Johanna Holzmanns Gesicht, als sie eine Antwort auf die Frage formuliert, wie schwer die Verantwortung wiege, die sie zusätzlich zu der für ihr eigenes Wohlergehen nun auch noch für eine andere Athletin übernommen hat. „Ich habe oft dieses Gefühl, für Maya verantwortlich zu sein, manchmal sogar zu sehr. Die größte Herausforderung für mich ist es, mich in sie hineinzuversetzen, um zu verstehen, was sie gerade von mir braucht. Es ist viel Gefühlssache, aber gerade das macht es aus“, sagt die 30-Jährige, und sie wirkt dabei so, als würde sie ihre Sportkameradin, die neben ihr sitzt, in diesem Moment am liebsten fest in die Arme nehmen wollen.

Seit dieser Saison sind Johanna Holzmann und Maya Fügenschuh ein Paar – nicht privat, rein sportlich betrachtet. Aber die Zuneigung, die sie füreinander verspüren, ist extrem wichtig, denn Maya kann nur noch auf rund sechs Prozent ihres Sehvermögens zurückgreifen und hat starke Gesichtsfeldeinschränkungen. Weil sie aber trotzdem seit drei Jahren alpines Skirennfahren auf Leistungssportebene betreibt, benötigt sie einen Guide – und hat diesen im vergangenen Sommer in Johanna gefunden. „Es ist ultrawichtig, ein gutes Verhältnis mit seinem Guide zu haben, es braucht eine starke Vertrauensbasis“, sagt die 17-Jährige, „und mit Johanna habe ich diese Basis sofort gehabt. Ich profitiere sehr von ihren Erfahrungen auf und neben der Piste.“

Johanna gewann im Telemark WM-Gold und den Gesamtweltcup

Die beiden haben sich zum Gespräch vor die Team-D-Alm gesetzt, die Verpflegungsstation in der Münchner MTC World of Fashion für die Athletinnen und Athleten, die noch bis zum 20. Januar für die Olympischen und Paralympischen Spiele in Norditalien eingekleidet werden. Noch haben Maya und Johanna zwar keine offizielle Nominierung, aber ihre Ausrüstung haben sie am Freitagnachmittag schon in Empfang nehmen dürfen. Maya hat ausreichend Punkte gesammelt, um in Cortina d’Ampezzo im Riesenslalom am 12. März und im Slalom zwei Tage später an den Start gehen zu können. „Es wäre wirklich ein absoluter Traum, wenn das klappt“, sagt die Schülerin, die auf dem Sportinternat in Freiburg im Breisgau in diesem Jahr die Mittlere Reife abschließt und anschließend ihr Abitur machen möchte.

Es wäre für beide Athletinnen die erste Teilnahme an den Paralympics, für Johanna Holzmann jedoch nicht der erste Auftritt auf ganz großer Bühne. 2022 startete die Athletin vom SC Oberstdorf bei den Olympischen Winterspielen in Peking (China) im Skicross, wo sie Rang 15 belegte. „Für mich war es schon ein riesengroßer Erfolg, überhaupt dabei zu sein“, sagt Johanna, die an der Hochschule Kempten internationales Management studiert. Wegen einer angeborenen Knieproblematik, die zu wiederkehrenden Patellaluxationen führte, hatte sie als Jugendliche im alpinen Skisport nie richtig Fuß fassen können und war deshalb zum Telemark gewechselt; einer Nischendisziplin des Skisports, die Elemente aus Abfahrt und Langlauf vereint, und in der sie es zur Gesamtweltcupsiegerin und Weltmeisterin im Parallelsprint brachte.

Schwierigste Aufgabe ist, den richtigen Abstand zu halten

Während der Coronakrise und ihrer Zeit in der Sportfördergruppe der Bundeswehr ergab sich dann die Chance zum Wechsel ins Lager der Skicrosser, und Johanna Holzmann packte zu. „Aber ich hätte nicht erwartet, dass es für Olympische Spiele reicht. Umso glücklicher bin ich, dass ich diese Erfahrung machen durfte“, sagt sie. Nun völlig unverhofft auch die Möglichkeit zu haben, die Paralympics als Teilnehmerin zu erleben, erfüllt sie mit Freude. „Ich bin glücklich und dankbar, Maya unterstützen und mit ihr gemeinsam den Schritt zu den Paralympics schaffen zu können“, sagt sie.

Dafür investieren die beiden viel. Trotz der rund 230 Kilometer Entfernung zwischen ihren Wohnorten Freiburg und Oberstdorf absolvieren sie alle Einheiten auf Schnee gemeinsam. „Das ist extrem wichtig, um die Abstimmung zu perfektionieren“, sagt Maya, die ebenfalls im Allgäu aufwuchs und für den SV Hindelang startet. Als schwierigste Aufgabe empfindet Johanna es, auf der Piste den richtigen Abstand zur hinter ihr fahrenden Partnerin zu halten. „Der darf nicht zu groß und nicht zu klein sein, damit Maya mich immer sieht, aber nicht auf mich auffährt“, sagt sie. Je nach Disziplin ist dieser Abstand variabel, für die technischen Disziplinen Slalom und Riesenslalom gelten zwei bis drei Skilängen als optimal. Um ständig verlässlich miteinander kommunizieren zu können, sind die beiden über Headset verbunden. So kann Maya ansagen, wenn sie mehr Tempo gehen oder ihren Guide kaum noch sehen kann.

In zwei Wochen steht der Heimweltcup am Feldberg an

Sollte der Traum von der Paralympics-Teilnahme in diesem Jahr noch nicht in Erfüllung gehen, können sich die beiden sehr gut vorstellen, es in vier Jahren erneut miteinander zu versuchen. „Dann greifen wir auch in den Speeddisziplinen an“, sagt Johanna, die 2017 ihre Skilehrerlizenz absolviert hat und aus dem Training mit Maya wichtige Erfahrungen für ihre Arbeit als Ausbilderin zieht. „Für mich ist das eine super Weiterentwicklung. Vor allem hilft es mir, in meinen Ansagen präziser zu werden, weil ich dank Maya sensibler für die Bedürfnisse anderer Menschen geworden bin“, sagt sie. Erfreulicher Nebeneffekt ist die Wiederaufnahme in die Sportfördergruppe, die finanzielle Sorgen lindert.

Bevor es hoffentlich nach Italien geht, steht für das Duo noch ein besonderer Wettkampf an: der Weltcup am Feldberg am 22./23. Januar, der für Maya sozusagen vor der Haustür stattfindet. Weil die Punktvorgabe im Weltcup strenger ist als bei den Paralympics, darf sie dort aktuell nur im Slalom antreten. „Aber auch daran arbeiten wir“, sagt Johanna. Dann schaut sie hinüber zu Maya, die zur Bekräftigung dieser Aussage nickt. Es mag nur eine kleine Geste sein. Aber sie sagt alles aus, was man über dieses Duo wissen muss.