Mailand Cortina 2026

Die emotionale Abschiedstournee einer Großen des Skispringens

Katharina Schmid beendet nach dieser Saison ihre Karriere. Bei der Einkleidung für die Olympischen Spiele spricht die 29-Jährige über ihre verbleibenden sportlichen Ziele, ihre Pläne für die Zukunft und ihr Wunschszenario für den letzten Wettkampf.

Autor: DOSB
5 Minuten Lesezeit veröffentlicht am 07. Januar 2026

Karriereende: Bekanntgabe am Tag nach Weihnachten

Den Fischerhut mit dem markanten Team-D-Logo, den sie am 6. Februar auf der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Norditalien tragen soll, hätte Katharina Schmid am Mittwochmittag am liebsten gar nicht mehr abgesetzt. „Ich glaube, das wird mein Lieblingsstück, obwohl der rote Wintermantel auch sehr cool ist“, sagte die 29-Jährige, nachdem sie gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen Selina Freitag (24/SG Nickelhütte Aue) und Agnes Reisch (26/WSV Isny) in der Münchner MTC World of Fashion ihre Bekleidung für das Saison-Highlight in Empfang genommen hatte. Noch bis zum 20. Januar werden alle Team-D-Mitglieder in Bayerns Landeshauptstadt ausgerüstet. Die drei Skispringerinnen waren indes die ersten Athletinnen, die die Kollektion in je zwei Koffern und einem Rucksack abtransportieren konnten.

Für Katharina Schmid werden die Wettkämpfe in Predazzo besonders speziell, denn die siebenmalige Weltmeisterin wird zum letzten Mal im Zeichen der Ringe um Medaillen kämpfen. Nachdem sie kurz nach Weihnachten offiziell bekanntgemacht hatte, dass sie ihre Karriere nach dieser Saison beenden wird, hat die Athletin vom SC Oberstdorf die Achterbahn der Emotionen bestiegen, die ihr zum Jahreswechsel extrem einheizte. Am Neujahrstag absolvierte sie im zweiten Wettbewerb der Two Nights Tour ihren letzten „Wettkampf dahoam“. Familie, Freunde, ihr Fanclub – alle waren in Oberstdorf dabei und sorgten dafür, dass nach dem letzten Sprung viele Tränen flossen. „Ich bin manchmal nah am Wasser gebaut, und dieser letzte Wettbewerb auf meiner Heimatschanze war sehr emotional für mich“, sagt sie.

Patin bei Plan International

Grundsätzlich versuche sie jedoch, die Abschiedsstimmung nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen. „Natürlich werde ich jetzt überall dem Publikum entsprechend präsentiert als diejenige, die ihre Karriere beendet. Aber beim Springen macht das für mich keinen Unterschied, ich will einfach überall meine beste Leistung abrufen“, sagt sie. Die offizielle Verkündung sei eine Erleichterung gewesen, nachdem sie vor dem Saisonstart nur das Team in ihre Pläne eingeweiht hatte. „Es hat sich für mich einfach richtig angefühlt, diesen Schritt zu gehen. Ich habe gespürt, dass ich bereit für einen neuen Lebensabschnitt bin.“

Was dieser beinhalten soll, darüber ist sich die 1,52 Meter große Vorzeigefliegerin noch nicht vollkommen im Klaren. Sie freut sich auf mehr Zeit mit Ehemann Patrick, Bruder des Nordischen Kombinierers Julian Schmid. Ihre Stelle als Zollbeamtin will sie weiter ausfüllen, entsprechende Gespräche stehen nach Saisonende an. „Ich kann mir auch gut vorstellen, als Trainerin für den ganz jungen Nachwuchs einzusteigen, meine Lizenz habe ich im vergangenen Jahr gemacht“, sagt sie. Kinder zu mehr Bewegung anzuleiten, das ist ihr eine Herzensangelegenheit. Als Projektpatin von Plan International unterstützt sie den Kampf um Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit, sie hat ein Patenkind in Afrika, „das ich gern mal besuchen möchte. Ich möchte mich mehr dafür einsetzen, Kindern den Zugang zum Sport zu erleichtern.“ Eigene Kinder zu haben, steht ebenfalls auf ihrer persönlichen Wunschliste. „Die müssten aber nicht Leistungssport betreiben, Hauptsache ist, dass sie überhaupt Sport machen.“

Seit sie 15 ist, startet Katharina Schmid im Weltcup

Was der Sport ihr für ihr Leben gegeben hat, kann die Frau mit dem ansteckendsten Lachen der Skisprungwelt gar nicht hoch genug schätzen. Als Zwölfjährige debütierte sie im Continental Cup. „Seit ich 15 Jahre alt bin, starte ich im Weltcup. Ich kenne kein anderes Leben als das einer Leistungssportlerin. Das hat mich durch und durch geprägt“, sagt sie. Ihre Olympiageschichte begann 2012, als sie in Innsbruck bei den Youth Olympic Games die Goldmedaille gewann. Zwei Jahre später debütierte sie in Sotschi (Russland) bei den Frauen, die damals zum ersten Mal im Olympiaprogramm antreten durften, mit Rang 23 von der Normalschanze. Den höchsten Stellenwert aber haben für sie die Spiele 2018 in Pyeongchang (Südkorea), wo sie Silber im Einzel gewann. „Da hat einfach alles gepasst, das Umfeld, die Atmosphäre und der sportliche Erfolg“, sagt sie. Letzteren wiederholte sie – noch unter ihrem Geburtsnamen Althaus – zwar 2022 in Peking (China), die der Corona-Pandemie geschuldeten Umstände verwässerten allerdings das Gesamterlebnis.

Umso größer ist die Vorfreude auf Italien. „Das ist eine traditionelle Wintersportnation, die Fans werden eine tolle Stimmung machen, die Wettkampfstätten sind super. Vor allem aber freue ich mich darauf, dass Familie und Freunde dabei sein können“, sagt Katharina Schmid. Als Glücksbringer trägt sie um den Hals eine Kette mit Schutzengel, die ihre Mutter ihr geschenkt hat, und ein Armband mit verschiedenen Anhängern, darunter ein Flamingo, den ihr ihre besten Freundinnen, die „Flamingo-Mädels“, mitgegeben haben. „Den trage ich wirklich bei jedem Wettkampf, das gibt mir Sicherheit, ebenso wie der goldene Ehering“, sagt sie.

Bei den Winterspielen will sie Nika Prevc besiegen

In Predazzo will sich die siebenmalige deutsche Einzelmeisterin allerdings nicht auf ihr Glück verlassen. Im Weltcup, wo sie 19 Einzelsiege in ihrer Bilanz verzeichnen kann, aber in der Gesamtwertung dieser Saison als Neunte aktuell hinter Freitag (6.) und Reisch (7.) „nur“ drittbeste Deutsche ist, läuft es zwar noch nicht rund, zudem gibt es in der Slowenin Nika Prevc (20) eine Überfliegerin. „Aber ich hoffe, dass ich meine Erfahrung ausspielen kann. Ich weiß, dass ich an einem sehr guten Tag auch Nika schlagen kann, wenn bei mir alles stimmt, das ist mir schon ein paarmal gelungen. Ich mache mir schon etwas Druck, ich will nicht nur dabei sein, sondern um die Medaillen mitkämpfen. Aber dass ich schon zwei Silbermedaillen gewonnen habe, macht die Sache auch etwas leichter für mich, ich muss nichts mehr beweisen“, sagt sie.

Aber sie will zeigen, dass sie auf dem Zenit ihres Könnens abtritt – und freut sich deshalb sehr darüber, dass in Predazzo erstmals auch ein Frauenwettkampf von der Großschanze stattfindet. „Zum einen liegt mir die Großschanze sehr gut, zum anderen ist dann der Druck nicht so hoch, dass man von der Normalschanze eine Medaille holen muss, wenn man im Einzel etwas gewinnen will“, sagt sie. Der Wettkampf von der Normalschanze ist für 7. Februar angesetzt, nach dem Mixed-Teamwettbewerb am 10. Februar geht es am 15. Februar dann von der Großschanze um Gold, Silber, Bronze.

Letzter Wettkampf am 28. März in Planica

Bis dahin haben die DSV-Springerinnen allerdings noch ein hartes Weltcup-Programm zu absolvieren. An diesem Wochenende geht es nach Ljubno (Slowenien), anschließend steht die Asien-Tour mit Springen in Zhangjiakou (China), Yamagata und Sapporo (beide Japan) an, ehe Ende Januar in Willingen ein weiterer Heimweltcup ausgetragen wird. Am 4. Februar reist der Tross dann nach Italien. „Ich bin überzeugt davon, dass wir in den Einzelwettbewerben alle drei das Potenzial für das Podest haben, und wir werden auch wieder ein starkes Mixed aufstellen. Insofern hoffe ich schon, dass ich mit mindestens einer Medaille nach Hause reisen kann“, sagt sie.

Schluss ist dann allerdings noch immer nicht. Nach der Skandinavien-Tour mit drei aufeinander folgenden Weltcup-Wochenenden in Lahti (Finnland), Oslo und Vikersund (beide Norwegen) ist die letzte Landung der Katharina Schmid beim Skifliegen in Planica (Slowenien) am 28. März geplant. Ihr Wunschszenario dafür sieht so aus: „Traumwetter, ein Flug auf über 200 Meter, und danach eine fette Party mit Familie und Freunden, die dann hoffentlich alle dabei sind!“ Klingt nach einem feinen Plan. Aber am Ende ist vor allem wichtig, dass Katharina Schmid nach einer glanzvollen Karriere trotz all der Abschiedstränen ihr Lachen bewahren kann.