Mailand Cortina 2026

Der perfekte Ort für den Abschied von Olympia

Katharina Hennig Dotzler wird in Val di Fiemme ihre letzten Winterspiele erleben. Bei der Team D Einkleidung blickt sie auf den Goldtriumph von Peking zurück und erklärt, warum die Silbermedaille vier Tage zuvor für sie emotional noch intensiver war.

Autor: DOSB // Björn Jensen
5 Minuten Lesezeit veröffentlicht am 15. Januar 2026

Am 16. Februar denkt sie besonders an Victoria Carl

Der 16. Februar ist bei den Olympischen Winterspielen in Norditalien ein wettkampffreier Tag für die Langläuferinnen, für Katharina Hennig Dotzler aber wird es trotzdem ein besonderer Tag sein. An jenem Datum gewann die 29-Jährige vor vier Jahren in Peking die Goldmedaille im klassischen Teamsprint. Wohl jeder Wintersportfan erinnert sich an den Kommentar von SWR-Reporter Jens-Jörg Rieck, dem in dem Moment, in dem Schlussläuferin Victoria Carl als Erste die Ziellinie überquerte, die Stimme überschlug: „Ja, hast du denn die Pfanne heiß“, dieser Ausruf ist zum Klassiker geworden und bringt auch Katharina immer noch zum Schmunzeln. Seit jenem Triumph haben Victoria Carl und sie an jedem Jahrestag die Erinnerungen gemeinsam aufleben lassen. In diesem Jahr allerdings wird das anders sein.

Wegen eines Dopingvergehens ist die 30-Jährige vom SCM Zella-Mehlis suspendiert. Das endgültige Urteil steht aus, die Winterspiele verpasst sie aber auf jeden Fall, und um nicht noch tiefer in der sowieso schon klaffenden Wunde zu bohren, wird Katharina während ihres Aufenthalts in Val di Fiemme keinen Kontakt mit ihrer Goldpartnerin aufnehmen. „Es ist für sie eine sehr harte Zeit, ich wünsche ihr viel Kraft und die richtigen Leute um sich herum. Besonders am 16. Februar werde ich sehr an sie denken“, sagt die Athletin vom WSC Erzgebirge Oberwiesenthal am Donnerstagmittag bei der Team D Einkleidung in der MTC World of Fashion in München. Trotz der Atemschutzmaske, die sie trägt, um drei Wochen vor dem Olympiastart keine Erkrankung mehr zu riskieren, ist ihr die Betroffenheit aus dem Gesicht zu lesen.

Nach dem Silbergewinn fühlte sie sich frei im Kopf

Die Erinnerungen an den Tag ihres größten sportlichen Erfolgs vermag die Tragik um ihre Teamkollegin indes nicht zu trüben. Wobei die Goldmedaille in der Rückschau nicht ihr emotionalstes Olympiaerlebnis darstellt. Vier Tage zuvor hatte sie mit der 4x5-km-Staffel Silber gewonnen. „Es war nach vielen vergebenen Anläufen, in denen wir manchmal ganz knapp verpasst hatten, aufs Podest zu kommen, endlich die erhoffte Medaille bei einem Großereignis, deshalb waren die Gefühle dabei noch intensiver als beim Olympiasieg“, sagt sie. Als Schlussläuferin Sofie Krehl (30/SC Oberstdorf) ihre gut zwei Sekunden Vorsprung auf Schwedens Jonna Sundling ins Ziel gerettet hatte, sei eine solche Last abgefallen, „dass ich mich wie befreit gefühlt habe. In den Teamsprint bin ich deshalb so gelöst wie nie in ein olympisches Rennen gegangen. Ich hatte eine Medaille sicher, die konnte mir niemand mehr nehmen. An dem Tag habe ich gelernt, was es bedeutet, wenn der Kopf wirklich frei ist. Wir hatten einfach nur Spaß“, sagt sie.

Dieses Gefühl zu konservieren und in folgende Rennen hinüberzuretten, habe sie zwar versucht, gelungen sei es ihr nicht. „Jede Athletin, jeder Athlet kennt das: Manchmal hat man einen Lauf, dann entwickelt sich ein Selbstverständnis, das einen in einen Flow versetzt. Das funktioniert zumindest bei mir aber nur über Erfolge und die daraus resultierende Sicherheit. Umgekehrt ist es aber so, dass negative Erfahrungen auch dazu führen können, dass gar nichts mehr läuft. Wenn Scheiße, dann Scheiße mit Schwung“, sagt sie. Und Schwung dieser Art hat Katharina, die seit der Hochzeit mit ihrem langjährigen Partner Christian Dotzler an Ostern 2025 ihren Doppelnamen trägt, in den vergangenen zwei Jahren einigen mitgenommen. Zuletzt zog sie sich über den Jahreswechsel aus der Tour de Ski zurück, weil sie sich nicht zu 100 Prozent wettkampfbereit fühlte und mit Blick auf die Olympischen Spiele nichts riskieren wollte.

Val di Fiemme ist ihr Lieblingsort im Weltcup

„Ich habe schon ein paar gesundheitliche Rückschläge erlitten in den vergangenen zwei Jahren“, sagt die WM-Dritte von Trondheim 2025 mit der 4x7,5-km-Staffel. Auch deshalb hat sie ihre Ansprüche für ihre dritten Winterspiele angepasst. „Um noch eine Medaille zu gewinnen, müsste wirklich alles zusammenpassen. Mein wichtigstes Ziel ist es, in meine beste Form zu kommen und die Wettkämpfe zu genießen“, sagt sie. Umso mehr, weil sie entschieden hat, nicht noch einmal weitere vier Jahre durchzuziehen. „Ich habe gespürt, dass ich dafür nicht mehr die Energie aufbringen kann und möchte. Es werden also meine letzten Olympischen Spiele sein.“

Das Fleimstal, wo die Wettkämpfe stattfinden, ist für ihren Abschied von der ganz großen Bühne der passendste Ort. „Val di Fiemme ist mein liebster Ort im Weltcup, Italien ist ein wunderschönes Land. Wenn man mich gefragt hätte, wo ich meine letzten Spiele absolvieren möchte, hätte ich Val di Fiemme gewählt“, sagt sie. Nachdem sie ihre ersten beiden Spiele in Asien erlebte, darunter die von Corona überlagerten Wettkämpfe in Peking, freut sie sich extrem darauf, dass nun nicht nur ihre Eltern und Großeltern, sondern auch viele Freunde und ihr Fanclub dabei sein können. „Die Winterspiele vor der Haustür, an Orten, wo der Wintersport einfach hingehört, das ist noch einmal ein neues Erlebnis für mich, das ich mir sehr gewünscht habe“, sagt sie.

Starts im Skiathlon und im klassischen 50-km-Rennen sind fest eingeplant

Wie viele Chancen ihren vielen Fans bleiben, sie in Italien live in Aktion zu verfolgen, ist noch nicht klar. Fest steht, dass sie den Skiathlon zum Auftakt am 7. Februar (13 Uhr) bestreitet. Ihr Hauptrennen soll am Abschlusstag der Spiele (22. Februar, 10 Uhr) der 50-km-Lauf im klassischen Stil werden. „Ob ich im Sprint starte, weiß ich noch nicht. In der Staffel würde ich sehr gern antreten, aber die wird erst vor Ort nominiert“, sagt sie. Druck jedoch, unbedingt abliefern zu müssen, will sie sich keinen mehr machen. „Ich nehme es, wie es kommt, und bin einfach dankbar, noch einmal dabei zu sein.“

2006, als ihr großes Vorbild Viola Bauer in Turin Staffelsilber gewann, war ihre Leidenschaft für Olympia entbrannt. „Viola ist eine Freundin unserer Familie, einmal hat sie ihre Medaille zum Grillen mitgebracht und ich durfte sie bestaunen. Von da an wusste ich: Das willst du auch schaffen!“, erinnert sie sich. Der Glaube daran, an Olympischen Spielen teilnehmen zu können, sei spätestens in ihrem ersten Jahr im Frauenbereich gereift, als sie sich für die WM 2017 in Lahti (Finnland) qualifizierte. „Damals war mir klar: Wenn du es zur WM schaffst, dann ist auch Olympia möglich!“ Dass sie neun Jahre später nun als Olympiasiegerin in ihre letzten Spiele geht, erfüllt Katharina Hennig Dotzler mit Stolz und Demut gleichermaßen. Bleibt nur, ihr zu wünschen, dass in diesem Jahr ein weiteres Datum dazukommt, an das sie noch sehr lang zurückdenken mag.