2024 wurden Skip Marc Muskatewitz und sein Team überraschend Europameister. Zwei Jahre später treten die Jungs als jüngste von zehn Mannschaften im olympischen Turnier an – und zeigen sich bei der Einkleidung selbstbewusst und voller Vorfreude.
Curling drohte aus der Förderung zu fliegen
Millionen werden wieder zuschauen, man kennt das seit vielen Jahren. Wenn auf dem olympischen Eis die Steine rutschen und die Besen fliegen, entdecken die deutschen Sportfans ihre Leidenschaft für Curling. Und erstmals seit Sotschi 2014 müssen sie sich keine Ersatznation zum Mitfiebern suchen, denn Skip Marc Muskatewitz und seine Kameraden vom Curling Club Füssen haben die Qualifikation für die Winterspiele in Norditalien geschafft und werden das Team D vom 11. Februar an, wenn im ersten Gruppenspiel Goldkandidat Kanada wartet, im Eisstadion von Cortina vertreten. Und wer die fünf Jungs am Dienstagmittag bei der Einkleidung in der MTC World of Fashion in München beobachtete, kann eins ganz sicher konstatieren: Die Vorfreude, die sie vor ihrer ersten Mission im Zeichen der fünf Ringe in sich tragen, ist extrem.
„Wir haben Olympia seit Beginn unserer Karrieren im Fokus, es ist aus sportlicher Sicht das Größte, was wir erreichen können. Dass wir das geschafft haben, ist noch immer etwas surreal“, sagt Marc Muskatewitz. Nachdem Curling in den vergangenen Jahren wegen anhaltenden Misserfolgs sogar aus der Förderung zu fliegen drohte, hat der 29-Jährige mit seiner Crew, zu der Benjamin Kapp (23), Felix Messenzehl (22), Johannes Scheuerl (23) und als Ersatzmann Mario Trevisiol (22) zählen, dem Präzisionssport neues Leben eingehaucht. Nachdem sie vor zweieinhalb Jahren zusammenfanden, war der überraschende EM-Triumph 2024 die Initialzündung und der erste Schritt auf einem gemeinsamen Weg, der sie früher als erwartet zu Olympischen Spielen führt.
Benny Kapp trägt den bekanntesten Nachnamen im deutschen Curling
„Mit dem EM-Sieg haben wir gespürt, dass wir als Team viel reißen können, und haben uns dann als Ziel gesetzt, es doch schon in diesem olympischen Zyklus zu packen“, erinnert sich Marc an die Anfangszeit zurück, in der die vier anderen ohne ihn noch bei der Junioren-WM starteten. Der Skip, der als Teamkapitän für die Strategie, das Shot-Calling und in der Regel auch für das Spielen der letzten beiden Steine zuständig ist, ist als deutlich erfahrenster Spieler derjenige, der die Richtung vorgibt. Für die Olympiateilnahme hat der Forschungsingenieur, der sein Studium der Produktentwicklung im Maschinen- und Anlagenbau mit dem Master abgeschlossen hat, eine geplante Start-up-Gründung im Bereich Präparation von Curling-Eisbahnen zunächst auf Eis gelegt. Seit August ist er in einem Unternehmen angestellt und kann sich umfänglich um seine sportlichen Ziele kümmern.
Den bekanntesten Nachnamen im Team Muskatewitz trägt aber zweifelsohne Benny Kapp. Im Curling hat dieser weltweit hohen Bekanntheitsgrad; Großvater Charlie war Europameister, seine Söhne Andy und Uli vertraten Deutschland mehrfach bei Olympischen Spielen, allerdings ohne eine Medaille zu gewinnen. Andy ist Bennys Vater und war lange Zeit sein Coach, Onkel Uli ist aktuell Bundestrainer. „Belastend war der Name für mich nie, er hat mir eher viele Türen geöffnet und mich mit Menschen ins Gespräch gebracht, die meinen Vater kennen“, sagt der 23 Jahre alte Sportsoldat. Während Marc beim Baden Hills Golf und Curling Club zunächst Golf spielte und sich als 13-Jähriger für Curling entschied, war für Benny die sportliche Laufbahn vorgezeichnet – auch wenn er sich zwischenzeitlich zusätzlich im Fußball versuchte.
Jüngstes Team im Feld der zehn Teilnehmer
Nachdem 2014 das Team um den Hamburger Millionär und Verleger-Enkel John Jahr viel Wirbel erzeugt hatte und dann in Sotschi sportlich als Letzter abschloss, wollen Marc, Benny und ihre Mitstreiter eher auf dem Eis für Aufsehen sorgen. „Wir sind das jüngste Team im Feld der zehn Teilnehmer, wir gehen da ganz naiv ran und wollen einfach unser Maximum herausholen“, sagt der Skip. Ein Platzierungsziel oder eine konkrete Siegbilanz wollen sie nicht vorgeben. „Es klingt langweilig, weil das die meisten sagen, aber wir schauen nur von Stein zu Stein“, sagt Benny, der als Vize-Skip („Third“) die zweitwichtigste Rolle spielt. „Wenn alles passt, ist für uns das Halbfinale und sogar eine Medaille drin. Aber wenn die Gegner besser waren, wir aber alles abgerufen haben, sind wir auch nicht enttäuscht. Wir sind noch jung und nehmen es, wie es kommt.“
Im Curling zählt die Addition des Abschneidens bei den beiden Weltmeisterschaften vor den Spielen als Olympiaqualifikation. Zweimal mindestens Platz acht ist notwendig, und nachdem das deutsche Team bei der WM 2024 in der Schweiz Fünfter geworden war, brauchte es im März 2025 in Moose Jaw (Kanada) im abschließenden Spiel einen Sieg über die USA, um Rang acht zu sichern. Das gelang mit einem 9:4. „Wir hatten morgens noch 1:6 gegen Schottland verloren und dann nur eineinhalb Stunden Zeit, um uns auf das Alles-oder-Nichts-Duell einzustellen. Das war richtig cool, wir lieben solche Situationen, aber waren natürlich sehr erleichtert, dass es am Ende gereicht hat“, sagt Marc.
Ihre Schuhe fertigen sie selbst an
Die körperliche Beanspruchung von mehreren Partien pro Tag, die sie von den meisten Wettkämpfen gewohnt sind, wird es in Cortina nicht geben. Nur einmal sind sie in der Morgen- und Abendsession desselben Tages gefordert, ansonsten gibt es nur eine Partie pro Tag und sogar einen Pausentag. Dass sie mit garantierten neun Matches deutlich mehr Präsenz haben als alle anderen deutschen Olympiastarter, gefällt ihnen, die Zeitplanung dagegen nicht uneingeschränkt. „Natürlich ist es schön, so häufig spielen zu können. Aber ich empfinde es mental als sehr herausfordernd, wenn man eine Niederlage nicht schnell revidieren kann, sondern eine Nacht darüber schlafen muss“, sagt Marc.
Weil ihm die handelsüblichen Angebote nicht zusagen, fertigt er seit Jahren seine Curling-Schuhe selbst an, und hat sich darin so viel Expertise angeeignet, dass er mittlerweile auch andere Spieler ausstattet. „Selbstgemachte Schuhe sind deutlich stabiler und halten länger“, sagt er. Die Sohle seines glatten Schuhs – für das bessere Gleiten auf dem Eis ist nur ein Schuh profiliert – ist mit Teflon beschichtet. Benny setzt auf die Eigenkreationen seines Vaters, der für bessere Gleitfähigkeit Plexiglas verwendet. „Beim Curling kommt es so viel aufs Gefühl an, und das ist bei mir mit den Entwürfen meines Vaters am besten“, sagt er.
Das Team will die Leidenschaft für Curling wieder wecken
Mit welchem Gefühl sie nach Italien reisen, daran lassen Marc und Benny keinen Zweifel. „Kanada, Schottland und die Schweiz sind sicherlich die Medaillenfavoriten, aber mit den anderen sechs Nationen sehen wir uns absolut auf Augenhöhe“, sagen sie. Ihre größte Hoffnung ist, dass sie mit ihren Auftritten dazu beitragen können, dass Curling nicht nur alle vier Jahre zum TV-Ereignis wird. „Wir brauchen auch für die anderen großen Turniere mehr Präsenz im Fernsehen und bei den großen Streaminganbietern“, sagt Marc. „Curling bietet eine einzigartige Mischung aus Athletik, Präzision und Strategie, und dass das viele Menschen faszinieren kann, sehen wir ja bei Olympia.“ Die Leidenschaft für ihren Sport neu zu wecken, Millionen zu begeistern und sich auch über die nächsten Olympiazyklen als das deutsche Curling-Team zu positionieren – das sind ambitionierte Vorhaben. Aber Marc, Benny und ihre Jungs haben große Lust, sich diesen Herausforderungen zu stellen.