Christopher Grotheer, Skeleton-Olympiasieger von Peking 2022, startet in Cortina voraussichtlich seine letzte Olympia-Mission. Warum er zum Saisonstart schwere Zweifel hatte, nun aber bester Hoffnung ist, verriet er bei der Einkleidung in München.
Verletzungen zum Saisonstart warfen ihn aus der Bahn
Eine Fleischwunde am linken Fuß, die Normalsterbliche wahrscheinlich wochenlang vom Sporttreiben abhalten würde, ist aktuell seine größte Sorge. „Der Fuß ist offen, ich muss schauen, dass wir das in den Griff bekommen“, sagt Christopher Grotheer am Samstagnachmittag, nachdem er in der MTC World of Fashion in München seine Bekleidung für die Olympischen Winterspiele in Norditalien (6. bis 22. Februar) in Empfang genommen hat. Deswegen auf den Heimweltcup in Altenberg in der kommenden Woche zu verzichten, käme dem 33-Jährigen allerdings nicht in den Sinn. Im Gegenteil, er freut sich sehr auf den letzten Formtest vor dem Saisonhöhepunkt, und angesichts der Probleme, die er zu Beginn des Weltcup-Winters mit sich herumschleppte, ist der malade Fuß kaum mehr als eine Randnotiz für ihn.
Christopher Grotheer wird nachgesagt, dass er kein Mann vieler Worte sei. Doch wer ihm zuhört, wenn er über die vergangenen Monate spricht, spürt deutlich, wie intensiv diese Phase für ihn gewesen sein muss. Als Skeleton-Olympiasieger von Peking 2022 hatte sich der gebürtige Wernigeroder, der mittlerweile in Thüringen lebt und für den BSR Rennsteig Oberhof startet, für seine dritten Spiele vorgenommen, im Eiskanal von Cortina erneut den Medaillenkampf zu prägen. Nach einer gelungenen Vorbereitung war er beim ersten Lehrgang auf Eis beim Anschieben auf den Griff seines Schlittens gestürzt und hatte sich eine Adduktorenquetschung mit Einblutung zugezogen. Kaum wieder fit, erlitt er Mitte November, eine Woche vor dem Weltcupstart in Cortina, einen Muskelfaserriss in der Wade.
Bronze bei der EM hat die Überzeugung zurückgebracht
„Ich konnte kaum anschieben, fahrerisch hat es mir den Stecker gezogen“, sagt er im Rückblick. Trotz seiner langjährigen Erfahrung kamen Gedanken auf, die ihn beunruhigten. „Ich hatte ständig im Hinterkopf: Wenn du dich jetzt noch einmal verletzt, war es das mit Olympia. Das hat mich schon runtergezogen. Ich habe bis Mitte Dezember ständig in mich hineingehorcht und versucht, bloß keine falschen Bewegungen zu machen“, sagt er. Da Unsicherheit im Rennsport allerdings kontraproduktiv ist, kehrte Christopher Grotheer am Wochenende vor Weihnachten in Sigulda (Lettland) in den Weltcup zurück – und tankte mit einem fünften Platz viel Selbstvertrauen. „Da habe ich gespürt: Wenn ich selbst unter solch widrigen Bedingungen mithalten kann, dann muss mir nicht bange sein“, sagt er.
Die Feiertage nutzte das Kraftpaket für intensives Aufbautraining, seitdem zeigt die Leistungskurve in die Richtung, die er sich erhofft hatte. Und auch die negativen Gedanken sind, nachdem es in dieser Woche in St. Moritz (Schweiz) zu EM-Bronze reichte, längst wieder positiver Überzeugung gewichen. Der siebenmalige Weltmeister zieht einen Vergleich zur vergangenen Saison, mit dem er sich für Olympia zusätzlich Mut macht. „2024/25 habe ich die ersten vier Weltcuprennen gewonnen, bei der WM war dann aber die Luft raus. Dieses Mal mache ich es umgekehrt und habe meinen Formhöhepunkt in Cortina“, sagt er.
Die Olympischen Spiele in Italien dürften seine letzten sein
Was ein Olympiasieg auslöst, kann Christopher Grotheer seit seiner Triumphfahrt von Peking persönlich einschätzen. „Die Goldmedaille war ein deutlicher Boost, sowohl für meine Bekanntheit als auch im Sponsoring. Mit einem WM-Titel ist das nicht zu vergleichen, die Strahlkraft ist viel größer als alles andere“, sagt er. Überhaupt war das Jahr 2022 sein Jahr, er heiratete seine Partnerin Mary-Ann, ein halbes Jahr nach Olympiagold kam Tochter Elsa zur Welt. Dass die Dreijährige nun in Italien dabei sein wird, wenn der Papa erneut auf Goldsuche geht, erfüllt ihn mit großer Vorfreude. „Meine ersten Spiele 2018 in Pyeongchang waren beeindruckend, aber sportlich enttäuschend. Peking war sportlich super, aber wegen Corona von der Atmosphäre her enttäuschend, es war wie ein Job, den man erledigt hat. Nun freue ich mich riesig, Olympische Spiele quasi vor der Haustür erleben zu können“, sagt er.
Dass es seine letzten Spiele werden, ist so gut wie sicher, „noch einmal vier Jahre voll durchzuziehen, kann ich mir derzeit nicht vorstellen. Aber ich habe das noch nicht im Kopf, ich will einfach genießen, was vor mir liegt. Mein Ziel ist natürlich eine Medaille, meine Hausaufgaben habe ich gemacht, und Olympia kann eine Eigendynamik entwickeln, aus der verrückte Dinge entstehen“, sagt er. Zumal es in diesem Jahr erstmals zwei Medaillenchancen gibt, nachdem der Mixed-Team-Wettbewerb ins Programm aufgenommen wurde.
Grotheer freut sich auf das Mixed-Team-Event, das erstmals olympisch ist
„Das ist eine Supersache, auf die ich mich extrem freue. Eine Olympiamedaille mit einer Teamkollegin zu teilen, wäre großartig!“ Zwei deutsche Teams sind startberechtigt, die beiden Erst- und Zweitplatzierten der jeweiligen Einzelrennen werden gemeinsam antreten. Neben Christopher Grotheer sind – vorbehaltlich der Nominierung durch den DOSB am 20. Januar – Axel Jungk (34/BSC Sachsen Oberbärenburg), Silbergewinner von Peking, und Felix Keisinger (28/WSV Königssee) qualifiziert. Bei den Frauen sind Peking-Olympiasiegerin Hannah Neise (25/BSC Winterberg), Jacqueline Pfeifer (30/RSG Hochsauerland) und Susanne Kreher (27/Dresdner SC) startberechtigt.
Fragt man Christopher Grotheer, warum er sich noch immer voller Inbrunst mit bis zu 145 km/h bäuchlings einen Eiskanal hinunterstürzt, ist die Antwort zunächst dieses Leuchten in den Augen, das nur Menschen haben, die wahre Leidenschaft empfinden können. Dann sagt er: „Es ist einfach ein geiles Gefühl, wenn du eine anspruchsvolle Kurvenkombination perfekt triffst. Wenn man das nicht mehr genießen kann, muss man aufhören.“ Er selbst wolle nicht erst dann abtreten, wenn fehlende Leistungsfähigkeit ihn dazu zwinge, sondern möglichst auf dem Zenit seines Könnens. Noch allerdings genießt er den Nervenkitzel, den er zumindest zu jedem Saisoneinstieg weiterhin spürt: „Die erste Fahrt der Saison fühlt sich extrem an, so dass man denkt: Alter, was machst du hier? Aber man ist schnell wieder drin“, sagt er.
Die für Skeleton nötige Überwindung lernte er im Skispringen
Zumal er die Überwindung, die es für Skeleton braucht, schon in seiner ersten Leidenschaft, dem Skispringen, erlernt hat. „Beim Skeleton gehst du eine eine Starthöhe weiter, wenn du den nächsten Schritt machst, aber beim Skispringen gehst du von der 70-Meter-Schanze auf 90 Meter. Das ist krass“, sagt er. Das Gefühl im Sprung sei zudem noch intensiver, weil es im Gegensatz zu einem Lauf durch den Eiskanal nur wenige Sekunden anhalte. „Mut und Körpergefühl habe ich vom Skispringen zum Skeleton mitgenommen, das hat mir sehr geholfen.“ Der Wechsel, den er 2007 vollzog, war notwendig geworden, da er für das Skispringen zu groß und kräftig wurde. „Anfangs war es hart, ich habe es echt vermisst. Aber im Rückblick bereue ich gar nichts, ich bin immerhin Olympiasieger. Und ich rate allen: Wenn ihr die Chance bekommt, etwas Neues zu probieren, seid mutig und tut es!“
Christopher Grotheer will gern Vorbild sein, sich als Vorbild aufzuspielen indes, das ist so gar nicht seine Sache. Im Team D einer derjenigen zu sein, zu denen andere aufschauen, ist etwas, das er nicht braucht. „Aber wenn es so sein sollte, freue ich mich natürlich darüber und empfinde es als Ehre, Teil der deutschen Mannschaft zu sein“, sagt er. Die letzten Spiele genießen, aber auch noch einmal zeigen, was er draufhat – das ist die Einstellung, mit der er Anfang Februar, nach einem letzten Athletiklehrgang in Kienbaum, nach Italien reisen wird. Dass der Einzelwettkampf am Freitag, den 13. Februar, zwei Tage vor dem Mixed, stattfindet, wertet er als gutes Omen. „Ich habe an einem Freitag, den 13., geheiratet, das sollte mir also Glück bringen.“ Man kann nach allem, was er für den deutschen Wintersport geleistet hat, gar nicht anders, als ihm für die letzte olympische Reise alles Glück der Welt zu wünschen.