Skicrosser Florian Wilmsmann will bei seinen dritten Olympischen Spielen sein Leistungspotenzial ausschöpfen. Die Überzeugung, dass er in die Weltspitze gehört, hat er erst, seit er 2023 bei den Weltmeisterschaften Silber gewann.
Erste Olympische Spiele 2018 sportlich zum Vergessen
Ist sein erstes Mal wirklich schon acht Jahre her? Florian Wilmsmann muss kurz innehalten, dann schüttelt er den Kopf, als könne er es selbst kaum glauben. Aber es stimmt: 2018 in Pyeongchang, da war er gerade 20 Jahre alt, stand der Skicrosser vom TSV Hartpenning erstmals auf einer olympischen Piste. Ein Fahrfehler in Runde eins kostete ihn das Weiterkommen, am Ende stand Rang 25 in seiner sportlichen Bilanz. „Es war eine beinharte Strecke, ich war als junger Athlet doch ziemlich überfordert“, erinnert er sich am Samstagmittag im Rahmen der Einkleidung für die Winterspiele in Norditalien (6. bis 22. Februar) in der MTC World of Fashion in München, „deshalb sind mir auch eher die coolen Sachen in Erinnerung, die wir erlebt haben: Besuche im deutschen Haus, das 4:3 der Eishockeymänner im Halbfinale gegen Kanada. Sportlich waren meine ersten Spiele eher zum Vergessen.“
Viel besser lief es auch 2022 in Peking nicht: Achtelfinal-Aus, Rang 21, die ganzen Spiele überschattet von den tristen Rahmenbedingungen, die die Corona-Pandemie begleiteten. Wenn am 21. Februar im Livigno Snow Park das Skicrossrennen über die Bühne geht, möchte der 28-Jährige nun olympische Erinnerungen schaffen, die viele Jahre überdauern. „Ich habe die Erfahrung von zwei Winterspielen und glaube, dass ich gelernt habe, meine Leistungskurve auf so einen Höhepunkt einzustellen“, sagt Florian Wilmsmann. Seit einigen Jahren gehört der vom Tegernsee stammende Freestyler zwar zur Weltspitze im Skicross, doch das Vertrauen in seine eigene Stärke hat er erst nach seinen ersten beiden Olympischen Spielen gefunden. 2023 gewann er bei der WM in Bakuriani (Georgien) die Silbermedaille. „Da ist in mir die Überzeugung gereift, dass ich nicht nur dabei sein, sondern auch ganz oben stehen kann“, sagt er.
2024/25 war er Gesamtdritter im Skicross-Weltcup
Florian Wilmsmann fuhr bis zum 16. Lebensjahr leistungsbetont Alpinski, dann wechselte er ins Lager der Skicrosser. „Ich musste meinen Fokus finden, aber mit 19 war ich mir sicher, dass Cross für mich am besten passt“, sagt der Traunsteiner. Der ultimative Reiz seines Sports sei dieses Gefühl, wenn man den Kurs perfekt im Griff habe: „Das ist wie beim Basketball, wenn der Dreier ohne Randberührung durch den Korb rauscht“, sagt er. Im Gegensatz zu den Alpinskirennen, wo die Uhr der größte Gegner ist, hat man es im Skicross auf der Piste noch mit drei Kontrahenten zu tun, die es im Blick zu halten und abzuhängen gilt. „Die mentale Herausforderung ist deshalb noch größer, denn es braucht die klare Überzeugung, dass du die anderen schlagen kannst, um am Ende auch vorn zu sein, und bis ich die hatte, hat es etwas gedauert.“
Ein guter Crosser, der konstant seine Leistung abrufen konnte, war Florian schon immer. „Nun aber glaube ich daran, dass ich ein sehr guter Athlet sein kann“, sagt er. Geholfen habe ihm in den vergangenen Jahren eine Weiterentwicklung auf mehreren Ebenen. Nicht nur die innere Überzeugung sei gewachsen, auch die persönliche Entwicklung und das fahrerische Können habe er vorangetrieben. „Ich fühle mich heute als reifer Athlet, weil ich weiß, dass wir einen Weg gefunden haben, auf dem ich mich stetig verbessere“, sagt er. Gesamtplatz drei in der Weltcupwertung der Skicrosser in der vergangenen Saison, in der er dreimal ganz oben und insgesamt sechsmal auf dem Podium stand, unterstreicht diese Wahrnehmung. Und macht zugleich Hoffnung darauf, dass das Sprichwort, dass aller guten Dinge drei sind, auch auf seine Olympiabilanz zutreffen könnte.
Im Wettkampf ist er voll im Tunnel, Fokus auf das Wesentliche
Im Wettkampf ist Florian ein Typ, der seinen Kopf ausschalten kann. „Weder beim Start noch im Parcours denke ich an irgendetwas, da bin ich voll im Tunnel und konzentriere mich auf das Wesentliche“, sagt er. Früher habe er sich manchmal aus der Ruhe bringen lassen, wenn nach dem Aufstehen das Gefühl nicht so war, wie er es sich gewünscht hätte, „obwohl es gerade dann manchmal besser läuft als erwartet. Aber mittlerweile vertraue ich auf mich selbst.“ Seinen Gemütszustand könne er am besten an seiner Schlafqualität ablesen. „Wenn ich vor Wettkämpfen nicht so gut geschlafen habe, bin ich beruhigt, denn das ist das Zeichen dafür, dass eine gesunde Anspannung da ist.“
Zu großen Druck möchte sich Florian nicht mehr machen; sein Credo ist, das zu genießen, was der Sport ihm bietet. Die Vorfreude auf die Spiele im Alpenraum ist groß, Unterstützung durch Familie und Freunde ebenfalls. „Es ist toll, dass wir das gemeinsam erleben können. Meine ersten beiden Spiele waren in Asien, nun bin ich sehr gespannt darauf, sie in einer klassischen Wintersportregion zu erleben“, sagt er. Der Zusammenhalt im deutschen Crosser-Team, in dem auf weiblicher Seite Peking-Bronzegewinnerin Daniela Maier (29/SC Urach) die größten Medaillenchancen zugerechnet werden, sei herausragend. „Mit unserem Co-Trainer Felix Klapproth bin ich zur Schule gegangen, auch mit den anderen verstehe ich mich riesig. Die Reise nach Livigno hat ein wenig was von Klassenfahrt“, sagt er.
Nach Wettkampfende ins Deutsche Haus, am liebsten mit Medaille
Einziger Wermutstropfen sind die weiten Entfernungen zwischen den fünf Clustern, die es sehr erschweren, andere Sportarten live zu erleben. Ein Besuch im Deutschen Haus in Cortina könnte nach Wettkampfende aber drin sein. Wie zufrieden er dann mit seiner eigenen Leistung ist, möchte Florian Wilmsmann nicht in erster Linie davon abhängig machen, ob Edelmetall um seinen Hals hängt. „Eine Medaille wäre natürlich krass, aber für mich kommt es eher darauf an, in den Rennen auf den Punkt da zu sein und alles im Griff zu haben. Wenn mir das gelingt, dann werde ich meine dritten Spiele als erfolgreich in Erinnerung behalten“, sagt er. Auch wenn sie irgendwann acht, 18 oder 58 Jahre her sein werden.