Bei der WM im März 2025 erlitt die Ski-Freestylerin einen Kreuzbandriss. Ein knappes Jahr später ist die 19-Jährige bereit für die olympischen Wettkämpfe im Slopestyle und Big Air und erläutert, wie sie ihr großes Ziel erreicht hat.
Im Studium lernte sie, wie man Kreuzbänder zusammenflickt
Als am Montagnachmittag in der Mixed Zone, in der die Medien die Athletinnen und Athleten des Team D zur Einkleidung und ihren Zielen für die Olympischen Winterspiele in Norditalien befragen, ein Dutzend Kameras und Mikrofone auf sie gerichtet sind, sagt Muriel Mohr einen Satz, der nachhallt. „Ich kann jetzt wieder alles, was ich können möchte.“ Eine Aussage ist das, die wohl jeder Mensch gern über sich treffen würde. Die 19-Jährige hat sie zwar darauf bezogen, dass sie nach ihrem bei der WM 2025 erlittenen Kreuzbandriss im linken Knie wieder vollkommen genesen ist. Aber die Art und Weise, wie Deutschlands Medaillenhoffnung im Ski Freestyle in der MTC World of Fashion in München das gesamte Frage-Antwort-Spiel meistert, lässt zumindest darauf schließen, dass es ihr an Selbstvertrauen nicht mangelt vor ihrer Olympiapremiere.
Dass sie diese als aktive Athletin erleben würde, war lange Zeit unsicher. Ein Kreuzbandschaden ist immer eine kapitale Verletzung; in einem Sport wie ihrem, in dem sie im Slopestyle durch einen Hindernisparcours manövriert, im Big Air komplexe Einzelsprünge absolviert und dabei stets festen Halt auf den Brettern suchen muss, ist das Knie aber extrem belastet. Dennoch war der Glaube daran, es nach Livigno, wo die Wettkämpfe im Ski Freestyle ausgetragen werden, schaffen zu können, immer da. „Olympia war immer das Ziel, der Ausblick darauf hat mir geholfen, stabil und motiviert zu bleiben. Außerdem hatte ich das beste Team, das mich immer wieder aufgebaut hat“, sagt die Studentin der Gesundheitswissenschaften, die sich im Sommer, als an Sport noch nicht zu denken war, kurioserweise für die Uni viel damit beschäftigte, wie Kreuzbänder zusammengeflickt werden.
Sie liebt Klettern, Bouldern, Kiten und Mountainbike
Geholfen habe ihr zudem die Arbeit mit ihrem Sportpsychologen, der ihr mit dem Aufbau von Routinen, Visualisierungen und Anleitung zu positivem Denken wichtige Unterstützung leistete. „Mit ihm habe ich auch vor der nationalen Qualifikation telefoniert, er hat mir Mut zugesprochen und Vertrauen gegeben“, sagt die Athletin vom Kirchheimer SC, die am vergangenen Wochenende beim Weltcup in Laax (Schweiz) das Ticket für die Winterspiele perfekt machte. „Das war natürlich eine Erleichterung“, sagt Muriel, die auch mental keinerlei Überbleibsel der schweren Verletzung spürt. „Respekt ist immer da, das ist in einer Risikosportart wie unserer auch wichtig. Aber Angst, dass das Knie nicht hält, habe ich keine. Wir leben mit einem gewissen Verletzungsrisiko, aber ich habe die Challenge gut gemeistert und fühle mich bereit“, sagt sie.
Bereit, sich Herausforderungen zu stellen, ist Muriel Mohr tatsächlich schon seit Kindertagen. Schon als Zweijährige fuhr sie mit ihrem Vater im Tiefschnee Ski, „da bin ich über jeden Kicker hinter ihm hergefahren“, erinnert sie sich. Ihre aktive Sportkarriere startete die aus dem Münchner Osten stammende Allrounderin, die im Sommer gern Rennrad und Mountainbike fährt und kiten geht, allerdings im Ballett – einem Sport, der in puncto Körperbeherrschung und Ausdrucksstärke durchaus eine wichtige Grundlage für Freestyler*innen legt. Mit neun Jahren kam sie auf einer Jugendreise mit dem Freestyle in Kontakt, ein Jahr später entdeckte sie der heutige Bundestrainer Jiri Volak und formte sie zu einer der weltbesten Juniorinnen.
Zweimal war sie Juniorinnenweltmeisterin, zweimal gewann sie Bronze bei den YOG
2023 gewann Muriel Mohr erstmals Gold im Slopestyle bei einer Juniorinnen-WM, ein Jahr später wiederholte sie den Triumph in Livigno, was als gutes Omen taugen dürfte. Im gleichen Jahr zählte sie mit Bronze in Slopestyle und Big Air bei den Olympischen Jugendspielen (YOG) in Gangwon (Südkorea) ebenfalls zu den Besten der Welt. Kein Wunder also, dass sie durchaus mit großen Hoffnungen zu ihren ersten Winterspielen reist. „Ich hoffe doch, dass ich um die Medaillen mitkämpfen kann“, sagt sie. Erwartungen leite sie daraus jedoch keine ab. „Mein Ziel ist, mein bestmöglichstes Skifahren zu zeigen. Wenn es dann nicht für ganz vorn reicht, bin ich eben in vier Jahren wieder dabei und versuche es erneut“, sagt sie.
Eine sehr gesunde Einstellung ist das, die sich sicherlich auch daraus speist, dass ihr die Trainingsmonate im Sommer fehlen, in denen sie neue Tricks hätte einstudieren können. „Ich will vor allem sauber fahren und meinen Style durchziehen, das ist im Slopestyle sehr wichtig, und vielleicht kann ich mich damit von anderen Mädels abheben“, sagt sie. Von ihrem Idol Eileen Gu (22), die vor vier Jahren in Peking für das Gastgeberland Gold in Big Air und Halfpipe sowie Silber im Slopestyle holte, schaue sie sich zudem ab, nicht alles auf die Karte Sport zu setzen. „An ihr imponiert mir, dass sie all ihre Träume verfolgt, nicht nur den von Olympiagold, sondern auch als Model und Studentin.“
Ihr Ziel: Nicht nur um Medaillen kämpfen, sondern auch genießen
Ihre Olympiapremiere wolle sie deshalb auch abseits der eigenen Wettkämpfe, die für sie am 7. und 9. Februar (Slopestyle Quali und Finale) sowie am 14. und 16. Februar (Big Air Quali und Finale) anstehen, in erster Linie genießen. Sie will ihre Teamkollegin und Freundin Sabrina Cakmakli (31/Snowgau Freestyle Team) bei deren Halfpipe-Wettkampf anfeuern und in Livigno auch die Snowboard-Wettbewerbe besuchen. „Ich betrachte es als Geschenk, in Italien dabei zu sein, und ich möchte die Zeit auch nutzen, um Erfahrungen zu sammeln“, sagt sie. Für einen Menschen, der alles kann, was er können möchte, wäre die schönste Erfahrung sicherlich ein Medaillengewinn. Aber Muriel Mohr hat im vergangenen Jahr gelernt, dass es meist eben kommt, wie es kommen soll.