Die Snowboarderinnen Kona und Leilani Ettel gehören in der Halfpipe zur Weltklasse. Bei der Team D Einkleidung in München erzählen die beiden, wie es sich anfühlt, mit der eigenen Schwester um olympische Medaillen wettzueifern.
Am 12. Februar steht in Livigno das Finale an
Bevor sie ihre Weltkarriere im Profiboxen starteten, mussten die ukrainischen Schwergewichts-Brüder Vitali und Wladimir Klitschko ihrer Mutter ein Versprechen geben: Niemals sollten sie gegeneinander in einem Wettbewerb antreten; das Mutterherz hätte es nicht verkraftet, die Söhne gegeneinander um Titel kämpfen zu sehen. Nun sind professioneller Faustkampf und hochleistungsorientiertes Snowboarden per se zwei durchaus unterschiedliche Sportarten. Aber als Kona und Leilani Ettel am Dienstagmittag zum Gespräch im Rahmen der Einkleidung für die Olympischen Winterspiele in ihrer Geburtsstadt München vor der Team D Alm sitzen, verfliegt auch der letzte Zweifel daran, ob es möglich sein kann, dass Geschwister miteinander in Harmonie um Gold, Silber, Bronze wetteifern können.
Am 11. Februar steht im Livigno Snow Park die Qualifikation für den Halfpipe-Wettkampf an, einen Tag später geht es um die Medaillen. Wenn alles so läuft, wie es sich der Dachverband Snowboard Germany und die Familie Ettel erhoffen, dann stehen sowohl die 18 Jahre alte Kona als auch ihre sechs Jahre ältere Schwester Leilani am 12. Februar im olympischen Finale. Und es gibt überhaupt keinen Grund anzunehmen, dass dadurch der Familienfrieden gestört werden könnte. „Natürlich sind wir beide professionelle Athletinnen und wollen im Wettkampf ganz oben stehen, aber wenn Kona gewinnt, gewinnt auch ein Teil von mir“, sagt Leilani. Das klingt nach Liebe – und ist auch genauso gemeint. Wer die beiden Athletinnen vom SV Pullach im Gespräch dabei beobachtet, wie sie sich nach jeder Frage durch Blickkontakt vergewissern, wer zuerst sprechen soll, und wer hört, wie sie einander in jeder Antwort ergänzen und bestärken, der kann sich vorstellen, wie emotional dieser erste gemeinsame Olympiastart für die Familie werden wird.
Kona war 2024 bei den Youth Olympic Games in Südkorea
Dass es überhaupt so weit kommt, ist einerseits eine wunderbare Geschichte, andererseits aber auch keine allzu große Überraschung. Kona und Leilani, die ihre Vornamen trotz des hohen Erklärungsbedarfs sehr mögen und diese der Zuneigung ihrer Eltern zu Hawaii verdanken, stehen tatsächlich, seit sie stehen können, auf mehreren Brettern, die ihnen die Welt bedeuten. Im Sommer waren sie während ihrer gesamten Kindheit und Jugend am Meer zum Surfen, vorzugsweise in Südkalifornien, wo Freunde der Familie leben. In den Wintermonaten zog es sie jedes Wochenende in die Berge zum Snowboarden; dem Sport, in dem ihr Vater Julian Anfang der 90er-Jahre Deutscher Meister war. Und wann immer zwischendurch Zeit blieb, waren sie auf dem Skateboard unterwegs. Aber durch die Nähe von Pullach, wo sie aufgewachsen sind und weiterhin leben, zu den Alpen setzte sich die Liebe zum Snowboarden bei der Wahl ihres Leistungssports durch. „Wir haben zwar auch Spaßwettkämpfe im Surfen und Skaten mitgemacht, aber Snowboarden ist das, was wir am allermeisten mögen“, sagen sie.
Zum Olympiaprogramm zählt die in der Regel zwischen 18 und 20 Meter breite und 160 bis 200 Meter lange Halfpipe seit 1998, als die Deutsche Nicola Thost Gold holte, und ist damit längst unter den fünf Ringen etabliert. „Es gibt zwar auch andere Wettkämpfe wie die WM und die Winter-X-Games, die für uns wichtig sind, aber die Olympischen Spiele sind das größte Ziel, das wir erreichen können. Dass wir das jetzt gemeinsam erleben dürfen, ist einfach krass“, sagt Kona. Die Schülerin, die in diesem Jahr ihr Abitur schaffen will, war 2024 für die Youth Olympic Games in Gangwon (Südkorea) qualifiziert und machte dort mit Rang fünf auf sich aufmerksam. „Ich konnte mir danach gar nicht vorstellen, wie die Olympischen Spiele noch toller werden könnten“, sagt sie, betrachtet die vor zwei Jahren gesammelten Erfahrungen aber als wichtige Grundlage für das, was sie in Norditalien erwarten wird.
Leilani ist das große Vorbild ihrer kleinen Schwester
Leilani, die ein Fernstudium der Sportwissenschaften absolviert, war vor vier Jahren in Peking Olympia-Neuling, erreichte das Finale und fuhr dort auf den elften Platz. „Das war ein Mega-Erlebnis, auch wenn wegen Corona niemand aus meiner Familie dabei sein konnte“, sagt sie. Umso größer ist nun die Vorfreude darauf, dass in Livigno Eltern, Großeltern, Cousinen und viele Freunde am Start sein werden, um die beiden Schwestern anzufeuern. Realisieren können die beiden die Erfüllung ihres sportlichen Traums noch immer nicht, obwohl die Einkleidung in München sich wie ein Startschuss anfühlte. „Als wir früher die Winterspiele vorm Fernseher verfolgt haben, hat sich das unglaublich weit weg angefühlt. Jetzt sind wir beide gemeinsam dabei, das ist einfach krass“, sagt Leilani.
Als ältere und mit 1,78 Metern Körperlänge auch sechs Zentimeter größere Schwester komme bei ihr immer wieder das „Beschützerin-Gen“ durch. „Wenn wir zum Beispiel gemeinsam trainieren und ich Kona nach einem Sturz im Schnee liegen sehe, kriege ich direkt höheren Puls, weil ich mich sorge, dass ihr etwas Schlimmes passiert sein könnte“, sagt sie. Dies im Wettkampf auszublenden, sei kaum möglich. „Natürlich sind wir im Wettkampf auf unsere eigene Leistung fokussiert, aber wir sind trotzdem immer für die andere da und helfen, wo es geht“, sagt Kona, die auf die Frage nach ihrem Halfpipe-Idol mitnichten US-Superstar Chloe Kim (Olympiasiegerin von 2018 und 2022) nennt – sondern ihre Schwester. „Ich habe immer zu Leilani aufgeschaut, sie war für mein Snowboard-Leben sehr prägend“, sagt sie.
Auf der größten Bühne alles abrufen, was sie können
Wer in Livigno zu wem aufschauen wird, bleibt abzuwarten. Das Finale der besten zwölf Athletinnen, um das als dritte deutsche Starterin auch Anne Hedrich (19/SC Emmendingen) kämpft, haben sich beide als Ziel gesetzt, sie wollen auf der größten Bühne „all das abrufen, was wir können!“ Leilani hat das Gefühl, sich vor allem im mentalen Bereich in den vergangenen Monaten weiterentwickelt und Ängste vor schweren Stürzen abgebaut zu haben. Genauso wichtig aber ist ihnen, ihren Sport in Deutschland noch bekannter zu machen. Weltweit haben die Halfpipe-Wettkämpfe bei Olympischen Spielen mit die höchsten Einschaltquoten. „Es steckt so viel Potenzial im Freestyle, um es in die breite Masse zu bringen. Diese Chancen wollen wir nutzen“, sagt Leilani. Sie schaut nach links, wo ihre Schwester zustimmend nickt. Keine Frage: Die Ettels sind bereit, ihr olympisches Abenteuer zu einer Erfolgsgeschichte zu machen.