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Aus dem Krieg zu den Olympischen Spielen: Ein Gespräch mit der syrischen Schwimmerin Yusra Mardini anlässlich des Weltflüchtlingstages am 20. Juni über die Symbolkraft des IOC-Flüchtlingsteams.

Autor: DOSB
3 Minuten Lesezeit veröffentlicht am 20. Juni 2016

Aus dem Krieg zu den Olympischen Spielen: Ein Gespräch mit der syrischen Schwimmerin Yusra Mardini anlässlich des Weltflüchtlingstages am 20. Juni über die Symbolkraft des IOC-Flüchtlingsteams.

Frau Mardini, das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat Sie Anfang Juni für das Flüchtlingsteam nominiert, das erste in der Geschichte des IOC. Was empfinden Sie dabei?

Ich bin stolz und ich bin dankbar. Zum einen darf ich am größten Sportevent der Welt teilnehmen, der Traum eines jeden Sportlers. Zum anderen können wir zeigen, dass Flüchtlinge nicht nur Opfer sind. Wir können etwas leisten und erreichen. Wir sind jemand. Und für viele Menschen, die mich unterstützt haben, ist es eine Bestätigung und Ehrung: Für meinen Vater, meine syrischen Trainer, meinen Trainer in Berlin, die zahlreichen anderen Helfer hier rund um die Wasserfreunde Spandau und den Sport.

Und die Dankbarkeit?

Die gilt dem IOC. Ich finde, dass die Idee für dieses Team eine sehr gute Antwort auf die schwierige Situation der Flüchtlinge ist. Sie bekommen dadurch wieder ein Gesicht, sind nicht irgendeine namenlose Gruppe von Menschen. Es ist vielleicht auch ein Anstoß für die Leute auf der Welt, die Zweifel haben, ob sie Flüchtlingen helfen sollen oder nicht.

Die Zeit während des Krieges in Syrien, die Flucht, sprechen Sie noch darüber?

Der Krieg hat uns unser normales Leben genommen. Wir hatten eine schöne Wohnung in Damaskus, sie wurde zerstört. Auf dem Weg zum Training gab es Straßenblockaden, aus denen heraus geschossen wurde. Und einmal flog während des Trainings in der Schwimmhalle eine Granate in das Dach. Zum Glück war gerade niemand im Wasser, als Betonteile ins Becken fielen. Dass Sarah und ich gut schwimmen können, hat uns auf der Flucht geholfen, aber wir sprechen nicht mehr so gern darüber. Es war dunkel und es war kalt.

Worauf freuen Sie sich, wenn sie an Rio denken?

Das kann ich gar nicht genau sagen, es sind so viele Sachen. Dass ich in dem wichtigsten Wettkampf, den es für einen Schwimmer gibt, antreten darf. Aber auch die anderen Teammitglieder kennenzulernen, ihre Geschichte zu hören. Ich freue mich auf das Athletendorf, auf die Sportler, und logisch: auf die Stars. Und auf den Moment, wenn man ins Olympiastadion einmarschiert.

Kennen sie andere Athleten aus dem Flüchtlingsteam?

Ja, Rami aus der syrischen Nationalmannschaft und es ist schön, ihn nach langer Zeit in Rio wiederzusehen.

Was treibt Sie am stärksten an?

So schnell wie möglich zu schwimmen. Und zu sehen, wie weit ich damit komme. Das ist sicherlich wie bei jedem Athleten. Wenn es nicht so wäre, würdest Du den Schmerz beim Training nicht aushalten und so viel Zeit investieren.

Wie lief Ihre Vorbereitung auf die Spiele?

Durch den Krieg in Syrien habe ich zwei Jahre Training verloren, erst im vergangenen November bin ich ins normale Training eingestiegen. Wir haben viel an Ausdauer und Athletik gearbeitet, zweimal pro Tag. Ich hatte Glück und bin sehr dankbar, dass ich an eine Eliteschule des Sports in Berlin gekommen bin, sonst hätte ich es wohl nicht geschafft, Schule und Sport so gut miteinander zu vereinbaren.

Was ist Ihnen bei der Umstellung vom Leben in Syrien zum Leben in Deutschland besonders schwer gefallen?

Das Essen. Mir fehlen die syrischen Speisen sehr. Natürlich bietet Berlin eine sehr internationale Küche, aber ich habe nicht die Zeit, um das Angebot zu nutzen. Und ich habe zwar viele nette Mitschüler, mit einigen bin ich auch befreundet, aber meine syrischen Freunde fehlen mir trotzdem, Whatsapp und Skype können das nicht ausgleichen. Ein bisschen Sommer, das wäre auch schön. Ich warte auf ihn. Aber wichtiger ist natürlich, dass so viele Menschen in Deutschland den Flüchtlingen helfen. Das finde ich wirklich klasse.

(Quelle: DOSB)

Die syrische Schwimmerin Yusra Mardini trainiert bei den Wasserfreunden Spandau 04 und wurde kürzlich vom IOC für das Olympische Flüchtlingsteam nominiert. (Foto: IOC)Die syrische Schwimmerin Yusra Mardini trainiert bei den Wasserfreunden Spandau 04 und wurde kürzlich vom IOC für das Olympische Flüchtlingsteam nominiert. (Foto: IOC)