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Werden die Winterspiele in PyeongChang nachhaltig sein?

Das Organisationskomitee für die Spiele in Südkorea geht mit einem umfassenden Nachhaltigkeitskonzept an den Start. Andreas Klages und Bianca Quardokus vom DOSB beleuchten sein Entwicklungspotenzial.

Autor: DOSB
5 Minuten Lesezeit veröffentlicht am 05. Februar 2018

Das Organisationskomitee für die Spiele in Südkorea geht mit einem umfassenden Nachhaltigkeitskonzept an den Start. Andreas Klages und Bianca Quardokus vom DOSB beleuchten sein Entwicklungspotenzial.

Seit den 1990er Jahren gehen sowohl vom IOC als auch von den jeweiligen Organisationskomitees Initiativen aus, um negative (Umwelt-) Auswirkungen Olympischer und Paralympischer Spiele zu reduzieren bzw. um Olympia als Katalysator für positive Stadt- und Sportentwicklungsprojekte zu nutzen. Die Bilanz dieser Ansätze weist Licht und Schatten auf. Einerseits ist es dem IOC gelungen, auf einer programmatischen Ebene Umweltschutz als „dritte Säule“ der olympischen Bewegung zu verankern, umweltaktive Sportorganisationen zu fördern, Kooperationen mit UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) zu vereinbaren und durch Leitfäden und Umweltkonferenzen die umweltpolitische Debatte auf die Konzeption von Olympischen Spielen zu übertragen. Entsprechend integrierten Lillehammer 1994 und Sydney 2000 Umweltschutzprinzipien in ihre Organisationskonzepte und auch Peking 2008 setzte Schwerpunkte im Bereich des technischen Umweltschutzes bzw. des Nahverkehrs.
Eine themenfeldübergreifende Bewertung und die Ergänzung von Umweltschutz-Leitzielen um soziale und ökonomische Betrachtungen machte auch vor der olympischen Bewegung nicht Halt. Der Anspruch auf „grüne Spiele“ ging in den 2000er Jahren zunehmend in der Forderung nach „nachhaltigen“ Veranstaltungen auf (in der jüngeren Vergangenheit ergänzt um Zieldimensionen von Transparenz und Good Governance). Vancouver 2010 und London 2012 stehen mit umfassenden Nachhaltigkeitskonzepten in Theorie und Praxis für entsprechende Fortschritte.
Andererseits ist zu vermuten, dass Nachhaltigkeitskriterien bei Vergabeentscheidungen der IOC-Mitglieder bislang nur eine nachgeordnete Rolle spielen. Trotz aller Anstrengungen und Erfolge der IOC-Zentrale in Lausanne legen faktisch die jeweiligen Organisationskomitees fest, wie wichtig ihnen das Thema „Nachhaltigkeit“ wirklich ist. Entsprechend steht Sotschi 2014 (mit erheblichen Natur- und Landschaftseingriffen sowie einer gigantischen Dimensionierung) für einen Rückschritt im Bemühen um „grüne Spiele“, während Rio de Janeiro 2016 mindestens als sehr widersprüchlich zu bewerten ist.

Vermeidung, Reduzierung und Ausgleich von klimarelevanten Emissionen

Und PyeongChang? Was erwartet uns in Südkorea? Das Organisationskomitee POCOG geht mit einem umfassenden Nachhaltigkeitsansatz an den Start. Wie bei Winterspielen zu erwarten, nehmen aufgrund der zu nutzenden Naturräume Umweltschutzaspekte einen breiten Raum ein.
Die POCOG-Konzepte, Opens external link in new windowwww.pyeongchang2018.com/en/sustainability, rezipieren erfreulicherweise die internationale Klimaschutzdebatte: Vermeidung, Reduzierung und Ausgleich von klimarelevanten Emissionen werden ein breiter Raum beigemessen. So wurden Neubauten mit dem südkoreanischen Gebäudezertifizierungssystem G-SEED auszeichnet und Solar- bzw. Geothermieanlagen dienen der Energieversorgung. POCOG geht von 1,59 Mio. t (CO2eq) Emissionen der Olympischen Spiele aus, von denen 400.000 t reduziert und entsprechend 1,19 Mio. t ausgeglichen werden sollen. Eine PKW-Anreise zu den Veranstaltungsorten ist nicht möglich – die Nutzung der (neuen) Bahnverbindungen bzw. von Shuttle-Services und von 150 Elektro-PKW des POCOG-Pools runden den Mobilitätssektor ab. Im Bausektor sind der Einsatz von LED-Beleuchtung und die Begrünung von Dächern auf der Höhe der Zeit. PyeongChang 2018 sind zudem die ersten Olympischen Winterspiele, die eine ISO 20121 Zertifizierung für nachhaltiges Veranstaltungsmanagement erhalten haben.

Im Bereich des Naturschutzes wurde durch die erstmalige Zusammenlegung der alpinen Herren- und Damenabfahrten der Flächenverbrauch um rund ein Viertel (ca. 25 ha) reduziert. Umfassende Ausgleichs- und Aufforstungsmaßnahmen sollen die Natureingriffe überkompensieren und werden bereits seit 2012 sukzessive umgesetzt. Die Ausweisung von einem neuen Naturschutzgebiet in Taebak und gezielte Maßnahmen zum Erhalt der Biologischen Vielfalt hinsichtlich gefährdeter Tierarten ergänzen das Naturschutzprofil.
Umfassende bauliche und kommunikative Maßnahmen zur Barrierefreiheit, ein Unterstützungsprogramm für paralympische Athletinnen und Athleten aus Asien, Afrika und Südamerika, der Einsatz regionaler Lebensmittel, die Einbindung regionaler (Klein-) Unternehmen und zahlreiche weitere Maßnahmen ergänzen das Nachhaltigkeitsprofil von POCOG.
Positiv ist darüber hinaus die systematische Vorgehensweise und Berichterstattung hervorzuheben. Die nachhaltigkeitsbezogenen Ziele und Maßnahmen sind in einem Konzept zusammenfasst, welches auch auf Englisch vorliegt: Von den eingangs skizzierten IOC-Aktivitäten, den staatlichen Nachhaltigkeitsansätzen Südkoreas sowie einer Rezeption der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs) werden konzeptionelle Schwerpunkte, Ziele und Maßnahmen abgeleitet und mit dem ISO-Zertifizierungssystem in Verbindung gebracht.

Keine landesweiten "Leitprojekte" im Natur- und Klimaschutz

Trotz dieser ermutigenden Einschätzung bleibt PyeongChang 2018 hinter dem zurück, was möglich, ja notwendig ist. Auch angesichts einer kritischen Öffentlichkeit werden das Nachhaltigkeits-Leitbild und damit die „Sinnfrage“ an Bedeutung zunehmen. Nachhaltigkeit ist somit immer weniger ein freiwilliges „add on“, sondern ein zentrales und immer „härteres“ Konzept- und Managementkriterium zur Verbesserung von Qualität, langfristigem Nutzen und Glaubwürdigkeit.
Im Vordergrund der Kritik stehen leider erneut Natureingriffe (insbes. Rodung von 60.000 Bäumen am Berg Gariwang) und vor allem die sogenannten „Weißen Elefanten“: Das POCOG Nachhaltigkeitskonzept enthält zwar ein Kapitel zu Nutzungskonzepten der olympischen Infrastruktur nach den Spielen. Mit Ausnahme der Hinweise auf das Olympiastadion (anschließender Rückbau) können diese Ausführungen (noch) nicht überzeugen und es ist zu wünschen, dass die koreanischen Hoffnungen auf die Belebung einer ökonomisch und infrastrukturell sowie von der politischen Teilung Koreas benachteiligten Region sich erfüllen.
Soweit erkennbar, gab es eine Reihe von Aktivitäten zur Beteiligung von Stakeholdern, doch scheinen diese stark staatlich geprägt gewesen zu sein (z.B. Kommune, Provinzregierung). Obwohl es sich immerhin um eine Sportveranstaltung von nationaler Dimension (und internationalen Perspektiven) handelt, fällt auf, dass offenkundig keine Projekte an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit und Sport in anderen Teilen Südkoreas geplant sind – insbesondere die von POCOG als bedeutsam eingestuften Themen des Klima- und Naturschutzes bleiben auf die Austragungsregion begrenzt. Hier hätte man landesweite „Leitprojekte“ anstoßen und somit zugleich die IOC-Nachhaltigkeitsdebatte substantiell weiterführen können.

Was wird im Hinblick auf die Nachhaltigkeit von PyeongChang 2018 bleiben? POCOG hat ein sehr solides Konzept entwickelt und wird im Hinblick auf Umwelt- und soziale Dimensionen gegenüber Sotschi 2014 wohl einen deutlichen Fortschritt markieren. Demgegenüber stehen „Innovationsreserven“ (z.B. hinsichtlich einer landesweiten Programmatik) und die zumindest offene und besonders zentrale Frage der Nachnutzung von Infrastruktur. Nachhaltigkeit taucht – anders als in London 2012 – weder im POCOG Organigramm auf und ist auch auf der offiziellen Internetseite www.pyeongchang2018.com/en/index versteckt. POCOG bleibt im Übrigen hinter dem Anspruchsniveau der IOC-Nachhaltigkeitsstrategie („IOC Sustainability Strategy“, www.olympic.org/sustainability) zurück. Hierbei muss man jedoch berücksichtigen, dass die IOC Strategie, die auch die Organisatoren von Olympischen Spielen in die Pflicht nimmt, Ende 2016 und damit mehr als fünf Jahre nach der Vergabe der Winterspiele an PyeongChang verabschiedet wurde.

Nachhaltigkeitsstrategien kommt zukünftig höhere Bedeutung zu

Apropos IOC: Das IOC hat mit seiner Nachhaltigkeitsstrategie und entsprechenden Aktivitäten, wie z.B. dem Ausbau einer Fachabteilung in Lausanne, die Weichen richtig gestellt: Dem Thema kommt zukünftig eine höhere Bedeutung zu und wird auch die Bewerbungs- und Vergabeprozesse entsprechend beeinflussen. Dies zeichnet sich bei den Olympischen Spielen Paris 2024 und Los Angeles 2028 bereits ab. Den Olympischen und Paralympischen Spielen ist zu wünschen, dass zukünftig anspruchsvolle Nachhaltigkeitskonzepte mit einer hohen Verbindlichkeit umgesetzt werden. In diesem Sinne hätte das IOC eine neutrale Instanz, z.B. UNEP, mit dem Monitoring der Umsetzung der POCOG-Konzepte beauftragen können. Auf diese Weise und durch eine ausgewogene Analyse (die die überzogene Kritik vieler NGOs und Medien einerseits und die ausschließlich positiven IOC-Berichte andererseits ergänzt), könnte das IOC über eine zeitgemäße „Pflege“ seiner eigenen Marken zu einer neuen Glaubwürdigkeit finden. Monitoring und differenzierte Analysen waren in PyeongChang noch nicht Teil einer innovativen Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsansätze – sie können ab 2020 zu wichtigen und bislang unterschätzen Pfeilern der olympischen Bewegung werden.

(Quelle: DOSB / Andreas Klages, Bianca Quardokus)

Schneekanonen beschneien in Alpensia in der Region Pyeongchang in Südkorea das Skigebiet. Die Olympischen Winterspiele werden vom 9.- 25. Februar 2018 in der Bergregion Pyeongchang und an der Küste in Gangneung ausgetragen. Foto: picture-alliance