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Olympischer Sysyphos

Olympische Spiele sind ein historisch einzigartiges, höchst wertvolles Weltkulturerbe. Ohne sie wäre die Welt ärmer. Deshalb verdienen sie eine klare Haltung zu ihren Werten.

Autor: DOSB
3 Minuten Lesezeit veröffentlicht am 07. Februar 2018

Olympische Spiele sind ein historisch einzigartiges, höchst wertvolles Weltkulturerbe. Ohne sie wäre die Welt ärmer. Deshalb verdienen sie eine klare Haltung zu ihren Werten.

Die Olympische Bewegung ist eine der bemerkenswertesten Erscheinungen der Neuzeit: Sie besteht seit über 130 Jahren, ist überall in der Welt bekannt, sie hat mehr Mitgliedsländer als die UNO, ihre alle zwei Jahre stattfindenden Spiele sind die größten von der Menschheit jemals gefeierten Weltfeste, Milliarden verfolgen sie auf den heimischen Bildschirmen, hunderte Millionen regen sie zum eigenen Sporttreiben und ihrer persönlichen Weiterentwicklung an, sie finden wachsende Ergänzungen durch kontinentale Spiele oder solche für besondere Gruppen (Paralympics, Special Olympics, Deaflympics, Universiaden, Makkabiaden, World Games nichtolympischer Sportarten). Das alles erfolgt unter dem Dach und mit Unterstützung ihrer selbst gewählten Organisation, dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC).

Das ist bemerkenswert in einer erkennbar unfriedlicher werdenden Welt, die vor enormen politischen, ökonomischen und technologischen Herausforderungen steht. Selbstverständlich dringen diese in die Organisationen der Olympischen Bewegung ein, versuchen diese mit ihren jeweils eigenen Zielen und Werten zu beeinflussen oder auch zu vereinnahmen. Das wird sichtbar bei der Vergabe von Großveranstaltungen, der Besetzung von wichtigen Gremien, der Verteilung finanzieller Mittel und besonders beim Thema Doping. Sportlicher Betrug ist längst nicht mehr allein die Entscheidung einzelner Athleten und ihrer Betreuer, sondern befindet sich in einer Gemengelage nationaler, wirtschaftlicher, medialer und pharmazeutischer Interessen sowie medizinisch-technologischer Fortschritte.

Das IOC erfährt ausgerechnet wenige Tage vor dem feierlichen Beginn der Spiele in Südkorea in spektakulärer Weise, welche Grenzen ihm wie wissenschaftlicher Forschung oder polizeilicher Verfolgung hier gesetzt sind. Das um so mehr, als das IOC international gesehen über keine legislative, exekutive, territoriale oder wirksame ökonomische Macht verfügt – es kann nur über interne und externe Diplomatie seine Wirkung erzielen. In der aktuellen Dopingproblematik um Staatsdoping in Russland haben die eingeschlagenen Strategien offensichtlich nicht zum Erfolg geführt; sie sind genauso zu diskutieren wie gegebenenfalls die organisationsinternen Instrumente namens WADA oder Kontrollgremien des Exekutivkomitees zu prüfen sind.

Die Organisationen des Sports sind so wenig fehlerfrei wie Staatenlenker oder Wirtschaftsbosse – dort meist mit dramatischen Folgen. Sicherlich wird es nach den Spielen 2018 eine grundlegende Aufarbeitung geben müssen, sind neue Lösungen zur giftigen Geißel Doping zu finden. Das ist man vor allem den Athleten schuldig.

Selbstverständlich sind diese Probleme offen zu diskutieren, muss Scheitern benannt werden. Dazu sind alle eingeladen. Wenn allerdings jetzt in einer von der Aufmerksamskeitsökonomie getriebenen Medienwelt bedenkenlos Schuldige geliefert, Organisationen gegeißelt, Vermutungen zu Gewissheiten, totale Umbrüche gefordert oder Endzeitstimmungen prophezeit werden, sollte man deren Reichweite und Folgen vermessen. Weiterhin gilt, dass Olympische Spiele ein historisch einzigartiges, höchst wertvolles Weltkulturerbe darstellen. Ohne sie wäre die Welt ärmer.

Das Ende steht offensichtlich nicht bevor. Die Spiele in Rio de Janeiro haben trotz vieler Probleme die bislang höchste mediale Resonanz aller Spiele gefunden, die Sommerspiele haben bis 2028 Ausrichterorte, die Zahl der Medienunternehmen zur Übertragung der Spiele wie die der Großsponsoren hat sich verbessert, noch nie waren so viele Länder bei Winterspielen dabei wie in PyeonChang.

Das IOC hat vor gut drei Jahren seine auf Transparenz, Nachhaltigkeit und Bescheidenheit ausgerichtete Agenda 2020 verabschiedet. Es hat dieses mit Gremien für Good Governance und Menschenrechtsfragen strukturell untermauert, bei der Planung der Spiele in Tokio sich mit Einsparungsforderungen durchgesetzt, Korruptionsfälle bekämpft und mehr Finanzmittel als jemals zuvor für die (ärmeren) nationalen Komitees ausgeworfen. Auf die neue Medienwelt ist es mit dem Olympic Channel und der Erprobung des E-Sports durchaus vorbereitet. Und seine friedensstiftenden Potenziale – ohne die vermutlich auch taktisch geprägte Rochade Nordkoreas überschätzen zu wollen – hat die Olympische Bewegung mit einer Beteiligung beider koreanischer Staaten sichtbar werden lassen.

Die Olympische Bewegung 2018 verdient mehr denn je eine kritische Begleitung und eine klare Haltung zu ihrem Wert. Das gehört beides zusammen, wenn mit ungebrochener Sportbegeisterung die Eröffnungsfeier und die Wettkämpfe der Olympioniken begleitet werden. Es bleibt zu wünschen, dass die deutsche Mannschaft dazu beiträgt.

(Autor: Prof. Dr. Hans-Jürgen Schulke)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier als DOSB-Blog veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.

Ab dem 9. Februar steht der Sport in PyeongChang im Vordergrund. Foto: picture-alliance